Lange habe ich gezögert, mir das Remake von Spiderman auf DVD anzuschauen; schließlich weckten recht gute Kritiken mein Interesse. Doch das, was ich zu sehen bekam, war in jedem Belang schwer verdaulich, erst recht im Vergleich zur Trilogie mit Tobey Maguire. Ich brauchte mehrere Anläufe, um den Film bis zum Ende zu schauen.
Meine Kritik ist dreifach. Die erste richtet sich gegen die guten bis überschäumenden Kritiken anderer Zuschauer: Ich verstehe sie nicht und ihnen fehlen die Argumente. Gerade das, was noch in recht allgemeiner Weise lobend angeführt wird, erweist sich bei genauerer Betrachtung als wenig überzeugend.
Die zweite betrachtet es als Comic-Verfilmung. Zum einen ist es schon bemerkenswert, dass die Rollen und der Handlungsaufbau eines Kinofilms simpler gestrickt sind als in den billigsten Comicheftchen. Wo ist die Tiefe, die gerade Spiderman auszeichnete? Wo ist irgend etwas von dem Überfluss, den die vielen Hefte dieser Comicreihe anzubieten hätten? Zum anderen frage ich mich, ob die Filmemacher je ein Spiderman-Comic in der Hand hielten oder sich nicht eher von Teenwolf (Szenen in der high-school, besonders Sporthalle) oder Bis(s)-Teenager-Filmchen ausschließlich inspirieren ließen (Liebesgeschichte bar jeder Emotion). Im Vergleich zu der Trilogie ist dieses Remake langweilig und wie eine Fortführung nur der Schwächen, die der dritte Teil andeutete. Am meisten nervt jedoch die Komposition aus puren, unwirklichen Zufällen und Verstrickungen. Da ist Peters Vater plötzlich verwickelt, da stirbt der Onkel auf einer unsinnigen Tour, da verfolgt Spiderman den Täter anhand einer Tätowierung (die wer sah?), da ist seine neue Freundin gleich alles, erste Überliebe, Hauptassistentin im Labor des späteren Supergegners (der dann auch noch früher mit seinem Vater zusammen arbeitete), Tochter des Polizeichefs, der Spiderman dann fangen will, und bedeutungslose Mitschülerin auf einer high-school. Bezeichnend jene Szene, in der der erst entstehende Spiderman durch die Decke einer verlassenen Box-Halle stürzt (welch Zufall), wo an der Wand ein uraltes Plakat eines maskierten Catchers hängt (mehr grundloser Zufall), der typisch maskiert wie in den 1960ern (also der Originalzeit der ersten Spiderman-Comics, die aber im Film gerade nicht benutzt wird) eine Maske wie der spätere Spiderman trägt - und damit weder der Held, noch die Zuschauer all diese zufälligen Hinweise nicht missverstehen, brüllt der ihn verfolgende Ganove noch hinterher, er würde ihn finden, weil er ihn kennen würde, er hätte ja sein Gesicht gesehen. Was übrigens keinerlei Auswirkungen für den Filmverlauf hat...
Womit ich bei der dritten Form wäre, der Kritik am Film als Film. Das Drehbuch ist eine Katastrophe! Nicht nur solche Zufälle, wie oben beschrieben, in einer grauenvoll eindimensionalen Handlung (bis zu unfreiwilliger Komik, wenn auf eine Szene der Besorgnis übergangslos die nächste am Morgen darauf in der Schule folgt, fröhlich frei), sondern beständig offen bleibende Handlungsfäden (was war denn nun eigentlich mit dem Kerl von Oscorp und seiner Absicht, das Serum Kriegsinvaliden einzuspritzen? Ach ja, diente ja nur als Aufhängung für die unsinnige Verfolgungsjagd und Spideys ersten Heldenmomenten auf der Brücke, danach erledigt und vergessen) und beliebigen Querkonstruktionen (wie das Barschessen als Unbekannter und noch nicht Freund im Kreis der gesamten Familie, wie Gwens Möglichkeiten, einfach mal so ein Antiserum herzustellen und eingelagerte high-tech zu verstehen, wie kleine Echsen, die dem Suchenden einen Weg zeigen, wie hundert andere Dinge...). Wer denkt sich solche Rollen aus? Gwen hat keinerlei Tiefe, verliebt sich ohne jedes Vorspiel sowohl in Peter Parker, als auch Spiderman und lacht in der Szene nach der Beerdigung ihres getöteten Vaters. Spidermans Zerrissenheit wird zu einem Chaos von Beliebigkeiten, zu denen das schlechte Schauspiel Andrew Garfields noch hinzu kommt (dem man übrigens nie mit Spiderman identifizieren kann, falls man die Originalcomics dereinst las). Oscorp ist und bleibt eine Unbekannte, obwohl penetrant vorhanden, und das Beste, nämlich sowohl die Rolle der Echse als auch die Darstellung dieser Rolle, vergeht in einer nur schlecht ausgeführten Jekyll-Hyde-Geschichte (ich fang dich - wird übrigens mehrfach im Film bemüht, was geradezu lächerlich ist) auf einem anachronistischen Hintergrund in Form des einzigen Wissenschaftlers in dieser Forschung, geniehaft (bis Spidey kommt...). Die bildliche Umsetzung ist modern-hektisch, aber in rascher Schnittfolge, bei überwiegend dunklem Licht (es ist praktisch immer Nacht oder es geschieht im Untergrund), wirkt das verzweifelte Bemühen um sinnbildliche Action-Dramatik (bis zum allerletzten Bild!) oft nur lächerlich. Wo Spiderman sich in der Trilogie noch um ein wenig Physik sorgend sich durch die Straßen hangelte, imitiert der neue Parker das Bewährte übertrieben nach, permanent Salti schlagend und immer mit Drei-Punkt-Landung, vor allem gerade im Neuen jegliche Physik verratend, wenn er beispielsweise Netze frei von Schwerkraft durch Kanalisationsröhren verschießt oder sich mal dir nichts, mir nichts mit einem Sprung waagrecht über Dutzende Meter durch das Gerüst eines Kranauslegers bewegt. Kaum kommt es zum Kampf, versucht sich die Rolle in amüsanten Sprüchen, kläglich versagend. Wer übrigens bessere Dialoge sucht, der kann ein beliebiges Spiderman-Comic aufschlagen. Unerträglich wird dieses Geschwabbel nichtssagender Pseudoaction nicht nur durch fehlenden Spannungsaufbau, sondern auch durch eine geradezu eklatant fürchterlich schlechte, nie passende Musik.
Da kann man es eigentlich nur wie Stan Lee machen, der natürlich auch in diesem Film eine Komparsenrolle übernimmt: Kopfhörer auf, die Augen vertieft in ein gutes Buch (oder Comic) und nur nichts von diesem Film mitbekommen.