Man merkt ihrem Debütalbum von 1969 an, dass die Allman Brothers Band es allen zeigen wollte - und das tat sie auch voller Selbstvertrauen und Souveränität. Es beinhaltet bereits alle Zutaten, die die Allman Brothers Band ausmachen sollten: Gregg Allmans markante Stimme und seine Hammond B-3, seine starken Kompositionen, griffige Coverversionen, traumhaftes Ensemblespiel, eine flockende Rhythmusgruppe (Berry Oakley am Bass) mit zwei Schlagzeugern (Butch Trucks und Jaimoe) und zwei Gitarristen, die auf telepathische Weise miteinander verbunden zu sein schienen: Dickey Betts und nicht zuletzt Duane Allman, der mit seinem vielseitigen, inspirierten und flüssigen Gitarrenspiel über die Jahre als Sessiongitarrist Studioerfahrung mit einer Vielzahl von Künstlern gesammelt hatte (einen Einblick liefern die beiden CDs "Duane Allman - An Anthology" und "An Anthology Vol. 2").
Gleich das Einstiegsinstrumental (!) Don't want you no more, in dem sich Bluesrock und jazzige Passagen abwechseln, legt energetisch los, um nach 2 1/2 Minuten überzugehen in It's not my Cross to bear, einen dynamischen Markenzeichen-Blues von Gregg Allman, wie maßgeschneidert für die Band, in dem er sich mit seiner dreckigen Bluesröhre ins Zeug legt, wie überhaupt auf dem ganzen Album.
Und dann die Single-Auskoppelung, der feurige und abwechslungsreiche Bluesrock Black hearted Woman mit seinem Erkennungsriff in 7/8, dessen Percussion an Santana erinnert. Kaum zu glauben, dass es Zeiten gab, in denen solche Songs auf Single veröffentlicht wurden! Die Allman Brothers sollten sich über die Jahre noch öfter bei Muddy Waters bedienen, und die Studiofassung von Trouble no more (ebenfalls auf der Deluxe Edition von "At Fillmore East" zu hören) steht der Liveversion in nichts nach.
Every hungry Woman ist ein weiterer wütender Gregg Allman-Bluesrock voller Feuer und Slidegitarre. Mit dem majestätischen Dreams kommt das düstere und unheimliche Kernstück des Albums, eher die gelungene Umsetzung eines Albtraums als eines Traums, später genial von Molly Hatchett gecovert - was für ein Opus für ein Debütalbum! (Auf der 4-CD-Box "Dreams" erschien zusätzlich die Demo-Version, die zeigte, was die Allman Brothers aus ihrer Vorlage noch rausholten.)
Das Bass-Intro in 11/8 leitet mit dem aggressiven und ebenfalls etwas düsteren Whipping Post einen weiteren absoluten ABB-Klassiker ein, der in der Liveversion auf "At Fillmore East" mit über 22 Minuten eine ganze Plattenseite einnehmen sollte. Welche Band kann schon auf einem Debütalbum mit gut 33 Minuten Spielzeit so viele Klassiker unterbringen, solch begnadetes Ensemblespiel, solche Souveränität und so viel Feuer und Spielfreude? Es spricht für sich, dass über die Jahre alle sieben Songs, teilweise mehrfach, auf diversen Live-Alben erneut erschienen.
Leider konnte das Folgealbum "Idlewild South" ein Jahr später diesen Standard nicht halten, dafür würde aber ihr Live-Klassiker "At Fillmore East" die hier gegebenen Versprechen mehr als einlösen!
Mir liegt von diesem Album nur ein Mittneunziger "Remaster" vor, das unerfreulich dünn und flachbrüstig klingt; mich würde interessieren, ob die hier bei Amazon angebotenen neueren Ausgaben klanglich wirklich mal remastert wurden.
Sammler seien auf "Beginnings" hingewiesen, das die ersten beiden ABB-Alben enthält. Dank der kurzen Spielzeit dieser beiden Alben (64 Minuten) wäre darauf sogar noch Platz für die drei dazugehörigen, auf "Dreams" erschienen Outtakes gewesen.