Wir schrieben das Jahr 2009, es war schon wieder Dezember geworden, und The All-American Rejects waren in absoluter Feierstimmung: Die Band – als Teenager von Sänger und Bassist Tyson Ritter und seinem Gitarristen-Buddy Nick Wheeler in Stillwater, Oklahoma gegründet, im Jahr 2002 dann komplettiert durch Mike Kennerty (Gitarre) und Chris Gaylor (Schlagzeug) – hatte soeben die Tour zu ihrem dritten Album When The World Comes Down (2008) beendet, und die vier jungen Musiker konnten auf unzählige Highlights und neue Erfahrungen zurückblicken. Sie hatten rund um den Globus ihre Fans zum Ausrasten gebracht, nicht zuletzt mit ihrem Mega-Hit „Gives You Hell“, der in den Staaten gleich vier Wochen an der Spitze der Airplay-Charts vertreten war, am Ende des Jahres als meistgespielter Song in den Format-Charts auftauchte und sich allein in den USA vier Millionen Mal verkaufte, während die Rejects damit in Deutschland ebenfalls in den Top-15 landeten. Nachdem sie nun also diese erfolgreiche Tour hinter sich gebracht und damit zehn Jahre im Musikbusiness gebührend zelebriert hatten, hätte Frontmann Tyson Ritter sich eigentlich ruhig mal auf die eigene Schulter klopfen können: Immerhin war es ein Jahrzehnt gewesen, in dem sie abgesehen von diversen erfolgreichen Singles auch ihr gleichnamiges Platin-Debüt (2003) und das Doppelt-Platin-Album Move Along (2005) veröffentlicht hatten. Der Sänger jedoch fühlte sich einfach nur mies und wusste nicht weiter.
„Ich hatte den Entschluss gefasst, ein paar Dinge in meinem Leben zu ändern. Also machte ich mal richtig Frühjahrsputz und warf alles über Bord, was irgendwie normal und gemäßigt daran gewesen war“, berichtet der Sänger, der nach dem Ende der besagten Tour eine langjährige Beziehung beendete und kurzerhand nach Los Angeles zog. Ein Schritt, den er sich eigentlich geschworen hatte „höchstens dann zu unternehmen, wenn dort eine Affäre mit Winona Ryder“ auf ihn wartete, „gepaart mit dem totalen Kontrollverlust über mein Leben und meine Skills als Musiker“, meint er lachend. „Mal ernsthaft: Ich war an dem Punkt seit ich 17 war in einer Band gewesen. Auch in meiner Beziehung befand ich mich schon seit ich 17 war. Und nun stand ich also da, war schon 25, fühlte mich aber noch immer wie 17, weil wir gerade von der Tour zurückgekommen waren, eine Tour, die im Grunde genommen die vorangegangenen acht Jahre gedauert hatte.“
In den neun Monaten, die darauf folgten, strauchelte Ritter und landete kopfüber in einem Sumpf aus durchzechten Nächten: „Ehrlich gesagt habe ich mich in einer Flasche Jameson’s verkrochen und bin dort nicht mehr herausgekommen“, berichtet er ganz offen. „Das war schon so schlimm, dass ich manchmal einfach auf dem Fußboden lag und Selbstgespräche führte, und mir war zwar klar, dass es schon wieder Morgen geworden war, nur war mir das komplett egal, und ich hatte keinen blassen Schimmer, wie ich überhaupt dort unten gelandet war. Die gesamte Zeit in L.A. war ein einziges, permanentes Ablenkungsmanöver, weil ich mir nicht eingestehen wollte, dass ich mein Leben auch außerhalb der Band auf die Reihe kriegen musste. Ich musste endlich erwachsen werden, und wie sich später herausstellte, hatte ich viel zu diesem Thema zu sagen – das wurde mir klar, nachdem mich Nick aus diesem Sumpf herausgezogen hatte. Er sagte irgendwann einfach: ‘Ty, lass uns endlich klarkommen, in die Berge fahren und schauen, was uns auf der Seele brennt.’“
Das Ergebnis dieser Bergtour ist das wichtigste Album, das die Rejects je aufgenommen haben: Kids In The Street – ein ungestümes Werk, mit Texten, die ganz offen die letzten zwei Jahre beleuchten, wenn Ritter Themen wie Reue, Nostalgie und nicht zuletzt die eigenen Ausschweifungen abarbeitet und sie über der Art von Klangteppich präsentiert, die man inzwischen von dieser Band erwartet: Songs mit Ohrwurm-Qualitäten und glasklare Harmonien, gepaart mit einer ordentlichen Portion Druck. „Ich gehe auf dem Album all die Themen an, bei denen mir früher der Mut gefehlt hat, sie zu adressieren“, meint er. „Und selbst wenn ich dabei nicht immer sympathisch rüberkomme, war es mir einfach zu wichtig, das alles ganz offen und ehrlich anzusprechen und zu zeigen, was ich durchgemacht habe.“
Ritter und Wheeler schrieben die neuen Songs gemeinsam und suchten dafür eine Reihe von abgeschiedenen Orten auf: unter anderem schlugen sie ihr Lager auch in einer kleinen Hütte im kalifornischen Sequoia National Park auf, dann ging’s weiter im Maine und in Colorado, und erst nach diesen Abstechern präsentierten sie ihre Songideen Kennerty und Gaylor. Letzteren bezeichnet der Sänger dabei als „unseren bandinternen Richter, Prüfungsausschuss und Henker, was diese Dinge angeht. Ich habe vor lauter Aufregung ein Loch ins Sitzpolster gebohrt, während ich ihnen dabei zusah, wie sie unsere Songideen bewerteten und nach einem Urteil suchten.“
Kids In The Street beginnt mit „Someday’s Gone“, einer klanglichen Blutgrätsche gegen einen Menschen, der Ritter emotional fertig machen wollte, wie er berichtet, gefolgt von der Singleauskopplung „Beekeeper’s Daughter“, die in eine ganz andere Richtung geht: Hier schlüpft der Sänger in die Rolle eines Idioten, der doch tatsächlich glaubt, sich vollkommen daneben benehmen zu können, seine Angebetete aber trotzdem rumkriegen wird. „Und der Typ zeigt auch keinerlei Einsicht“, berichtet Ritter. „Am Schluss ist er sogar noch überzeugter und gibt sich noch abfälliger, und doch steht er als der Loser da – nur ist er selbst viel zu verblendet, um das zu erkennen. In einem Wort: Er ist ein Arschloch, nur muss ich sagen, dass ich mich zwischenzeitlich auch wie ein Arschloch benommen habe. Während der Arbeit an Kids In The Street habe ich jedoch an mir gearbeitet, bis ich mir ganz klein vorkam und vor dem Spiegel stand und mich gefragt habe: ‘Wow, was hab ich da nur die ganze Zeit verzapft?’“ Aus diesem Grund sind auf der LP auch ein paar Songs vertreten, die als Entschuldigungen zu verstehen sind: „Bleed Into Your Mind“, die ruhige Ballade „I For You“, mit der das Album ausklingt, oder auch das epische „Heartbeat Slowing Down“, ein bittersüßer Abschiedsgruß, den Ritter sogar als das pulsierende Herz ihres neuen Longplayers bezeichnet. Und dann wäre da noch das Titelstück, das massive „Kids In The Street“, das, so der Sänger, einen leicht nostalgischen Blick darauf wirft, wie weit es die Rejects schon geschafft haben. „Da geht es um die Feststellung, dass man sich immer an den Momenten festhalten kann, in denen man sich noch immer so lebendig wie früher fühlt. Das ist auch das zentrale Thema des Albums: Am absoluten Tiefpunkt anzukommen und zu erkennen, dass man erst dann aufstehen kann, wenn man wieder mit den Füßen auf dem Boden der Tatsachen gelandet ist.“
Schon der etwas surreal wirkende, von Synthesizer-Klängen durchzogene Sound von „Kids In The Street“ zeigt ganz deutlich, wie sehr diese Band auch musikalisch gewachsen ist: „Ich finde, dass wir einen Sound kreiert haben, der absolut neu ist für uns“, so Ritter. „Das gilt zum Beispiel auch für ‘Gonzo’ und ‘Fast & Slow’. Wir arbeiten da mit Instrumentierungen, zum Beispiel mit Bläsern und Synthesizern, die wir noch nie zuvor ins Spiel gebracht haben. Deshalb klingen wir jetzt so anders und neu.“ Dabei verweist die Band auch auf ihren für einen Grammy nominierten Produzenten Greg Wells (Adele, Katy Perry, OneRepublic), der ihnen laut Ritter dabei geholfen habe, diese neuen Elemente einzubeziehen, ohne dabei den klassischen Rejects-Sound aus den Augen zu verlieren. „Was die Arbeit mit ihm angeht, war das ein echtes Gemeinschaftsprojekt, und Greg übernahm im Studio eher die Rolle eines fünften Bandmitglieds als die des Produzenten“, berichtet der Sänger. „Wir sprachen einfach von Anfang an dieselbe Sprache, und das hört man auch auf dem Album. Was den Gesamtsound von Kids In The Street angeht, muss ich sagen: Es klingt halt wie The All-American Rejects, die endlich mal ihren Scheiß auf die Reihe gekriegt und eine Platte gemacht haben, die garantieren wird, dass sie auch morgen und übermorgen noch im Geschäft sind.“
Nachdem sie ein erstes Video zu „Someday’s Gone“ im Netz veröffentlicht hatten, zeichneten sich bereits erste Reaktionen der Fans ab. „Ich hab mich schon mal vorsichtig auf ein paar Message-Boards umgeschaut, und die vorherrschende Meinung scheint zu sein, dass alle etwas überrascht sind, dass diese Platte nicht wie When The World Comes Down klingt, sondern eher wie unser Debütalbum“, so der Sänger abschließend. „Allein deshalb bin ich mir sicher, dass z.B. diejenigen Rejects-Fans, die irgendwann nicht mehr so auf unseren Sound abgegangen sind, nun dank "Kids In The Street" wieder zu uns zurückfinden werden. Und was die Fans angeht, die uns die ganze Zeit über treu waren, nun ja, danke dafür, dass ihr mit uns gewachsen seid! Denn genau damit haben wir die letzten zehn Jahre verbracht: Wachsen. Aufwachsen. Reifer werden. Hörbar reifer werden.
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