Ein ungewoehnlicher, aber gut gelungener Ansatz, den Alan Greenspan hier fuer seine Memoiren gewaehlt hat: Im ersten Teil schildert er sein Leben, das durchaus nicht rosig begonnen hatte, inklusive einer nicht gerade glaenzenden Schulkarriere und mit Jahren als Musiker einer Tanzband durch die USA tourend. Greenspan fand erst spaeter seinen Weg in die Wirtschaft und letztlich an die Spitze der FED.
Diese 18 Jahre, in denen Greenspan die Zentralbank der USA geleitet hat, laesst er dabei den Leser (aufregend) erleben mit interssanten Einsichten in die Komplexitaet der Vorgaenge selbst, die sich rund um das Management der US- und Weltwirtschaft und rund um den Kampf um Stabilitaet und gegen Inflation abspielen. Greenspan als bekennender Republikaner und gluehender Verfechter moeglichst freier Marktwirtschaft, der sich als Gralshueter der Ideen von Adam Smith sieht, bemueht sich aber um eine offene Haltung zu allen US Praesidenten, denen und unter denen er diente. Und wenn er schildert wie er Nixon und Reagans Wahlkampagne unterstuetzte, scheut er dennoch nicht vor sehr viel Lob fuer Bill Clinton zurueck, auch wenn er die wenigen Jahre 1998 bis 2001 in denen er einen US-Budgetueberschuss erleben durfte, mehr dem Internetboom als dem Verdienst Bill Clintons zuschreibt.
Im zweiten Teil des Buches analysiert er - wie er es nennt - seine eigene Lernkurve - und in diesem lehrbuchartigen Teil erklaert Greenspan viele komplexe Phaenome der Finanzwelt und Geldmarktpolitik aus der Sicht des Insiders wennauch nicht immer einfach. Die Analyse der Situation in den USA, Europa, Asien, Lateinamerika laesst lediglich eine eingehende Analyse der Situation Afrikas vermissen. Andererseits analysiert er auch die wesentlichsten und brennendsten Probleme unsere Zeit: den Kampf um verfuegbare Energiereserven, die Umweltsituation und den gewaltigen Zustrom von mehr als 1,1 Mrd Menschen auf die Arbeitsmaerkte in Osteuropa, China und Indien seit 1980 mit den daraus entstehenden Herausforderungen fuer die Politik und vor allem das Finanzmanagement.
Das Greenspan dabei soweit durch und durch Analytiker und Finanzmanager ist, dass zum Thema Katrina und New Orleans lediglich dessen Auswirkungen auf die internationale Oelversorgung zur Sprache kommen, ist eine andere Seite. Auch dass bei der Einschaetzung der Finanzkrise in Asien und Mexico nicht ein Woertchen der Kritik an Finanzzpekulanten wie G. Soros aufkommt, stimmt auch ein wenig bedenklich. (Aber wie heisst es: eine Kraehe ...)
Letztlich wagt sich Greenspan aber an etwas, das man heute nicht so oft findet: an eine Langfristprognose der wichtigsten Wirtschaftparameter wie Beschaeftigung, Preisstabilitaet, Zinsstabiliaet, Wirtschaftswachstum und den Zustand der Alters- und Gesundheitsversorgung im Jahre 2030. Unter bestimmten Randbedingungen zwar und etwas einfacher als Meadows und Co. mit ihren World-3 Modellen aber dafuer nicht weniger mit all seinen Argumenten und Modellen und vor allem seiner wesentlichsten Grundannahme: dass der Markt weiterhin frei und noch freier (und unkontrollierbarer) sein wird und seiner Meinung nach als conditio sine qua non fuer weitere Stabilitaet und Wachstum auch sein muss.
Also sollte man sich dieses Buch schon mal fuer die naechsten Jahrzehnte alle fuenf Jahre einmal zum Nachlesen vornehmen. Und zum Thema Globalisierung ist das Buch eine gute Ergaenzung vor allem zu Thomas L. Friedman's "The World Is Flat".