David Bosshart ist nicht der erste, der über "Weniger ist mehr" nachdenkt.
Spannend wird sein Buch ungefähr ab der Mitte, wo er über kollaborativen Konsum nachzudenken beginnt. Erstaunlich und auch enttäuschend, dass er hier nicht Frithjof Bergmann zitiert, der diese Gedanken in seinem Konzept von "new work" bereits vor Jahren vorweggenommen hatte:
Konsumenten, in Deutschland verächtlich "Verbraucher" genannt, schliessen sich zusammen um gemeinsam
-einzukaufen
-zu nutzen
-kontrollieren
-entsorgen
was sie an Konsumgütern, evt. auch Dienstleistungen, brauchen.
Zu diesem Modus von "collaborative shopping" zählt der Autor an erster Stelle den Austausch (was ich nicht mehr brauche, aber für jemand anderen von Nutzen sein könnte). Statt vernichten und wegwerfen (siehe die in deutschen Grossstädten zu beobachtende Bewegung von "dumpster diver", die geniess- und verzehrbare Ware aus den Containern der Supermärkte fischt) das Rezyklieren. Und statt besitzen und horten die in der Schweiz und an verschiedenen Orten entstandenen "Tausch-Netzwerke", die auch ein Geben und Nehmen von Zeit -eine Art Timesharing- vorsehen.
David Bosshart spricht hier von den Möglichkeiten des Web 2.0, sich mit überschaubarem Aufwand zu vernetzen und Interessen zu bündeln, und lässt einen leisen Optimismus aufkommen. Für die Unternehmen würde ein solcher Paradigmenwechsel allerdings bedeuten, sich warm anziehen zu müssen: Statt von "Vertrieb" zu sprechen (wieder so ein hässliches Wort, der Autor schreibt dazu: "Ich vertreibe ja nur, was ich nicht will, was ich loswerden will, und zwar mit Schlägen, damit es schneller verschwindet"), der sich vorallem um das "Abdrücken" oft sinnloser und überteuerter Produkte kümmert, müssten sich Unternehmen wirklich für ihre Kunden interessieren, in Kreisläufen denken und nachhaltige Produkte offerieren.
Interessant auch die Propagierung des "Brokerage-Ansatzes" für Unternehmen, den Bosshart von R.Burt von der Universität Chigago übernommen hat, und die Gegenüberstellung mit dem "Closure-Ansatz": Für neue Prozesse, Geschäftsmodelle oder Dienstleistungen braucht es Innovatoren und interdisziplinäre Visionäre.
Fazit: Den grössten Erfolg versprechen wohl hybride Ansätze, die beides berücksichtigen: Die Pflege vieler schwacher , aber auch einiger starker und tragender Beziehungen. Und dieses soziale Kapital lässt sich nur in der Interaktion generieren. Und wenn Berufsleute heute wie selbstverständlich auch auf XING und LinkedIn ihre Fühler ausstrecken, um ihr Netzwerk mit "weak ties" (schwachen Beziehungen) anzureichern, geht es genau um diese im Buch angesprochene und für die Zukunft bedeutsame Vernetzung.