"The Times They Are A-Changing......."
(Robert A. Zimmerman aka Bob Dylan)
Der aus dem Jahre 1999 stammende, ursprüngliche TV-Zweiteiler des Regisseurs Mark Piznarskis präsentiert sich nach dem Herausschnitt der Werbeblöcke in seiner 172minütigen DVD-Version als ansprechender visueller Geschichtsunterricht über ein Jahrzehnt des tiefgreifenden Wandels. Der für ein US-Publikum produzierte Film befasst sich mit den gesellschaftlichen Ereignissen in, bzw. im weltpolitischen Zusammenhang mit den Vereinigten Staaten.....
.....und verknüpft eine "typisch" amerikanische Familiengeschichte mit historischen Nachrichtendokumenten, bei denen jeweils Erläuterungstext mit Datum eingeblendet sind. Ein besonderes filmisches Stilelement sind hierbei die nahtlosen Übergänge der Nachrichtenbeiträge in die Spielfilmsequenzen und umgekehrt. So beginnen z. B. Filmszenen, wie die zuvor gezeigten Nachrichten, in schwarzweiß und gehen erst langsam in ein Farbbild über. Der besondere Reiz geht jedoch in erster Linie vom Soundtrack aus, für den 39 emotionale und jeweils situationsadäquate Songs in ihren Originalversionen ausgewählt wurden. Dazu gehören auch diverse Konzertauschnitte, die ebenfalls nahtlos in die Spielfilmhandlung eingefügt wurden, bzw. in dieselbe übergehen. Originelle Einfälle sind z. B. auch ein eingebauter "Cameoauftritt" eines Dylan-Doubles oder eine vorbeihastende Harekrishna-Truppe....
Im Focus der Filmhandlung stehen die Herlihys, eine konservative, katholische, weiße Chicagoer Familie aus der "Workingclass". Bei ihrem Erwachsenwerden beschreiten drei Geschwister Wege, wie sie unterschiedlicher nicht könnten. Der älteste Sohn Brian (Jerry O'Connel) meldet sich frisch von der Highschool zu den Marines, mit denen er voller Enthusiasmus in den Krieg nach Vietnam zieht und dann traumatisiert als seelisches Wrack zurückkehrt. Sein Bruder Michael (Josh Hamilton) engagiert sich in der Bürgerrechts- und Antikriegsbewegung, wo er sich in die hinreißende Kommilitonin Sarah Weinstock (Jordana Brewster) verliebt, die jedoch dem radikalen und egozentrischen Studentenführer Kenny Klein (Jeremy Sisto) den Vorzug gibt. Die Jüngste, Schwester Katie (Julia Stiles), in Erwartung eines unehelichen Kindes von Vater Bill (Bill Smitrovich) verachtet, folgt dem Kindesvater nach San Francisco in eine Kommune, wo sie mit ihrem Kleinkind bald mittellos auf sich alleine gestellt ist. Alle drei Geschwister machen ihre unterschiedlichen Erfahrungen mit Drogen. Eine kontrastreiche, jedoch kleinere Nebenhandlung bietet die Geschichte der schwarzen Südstaatenfamilie Taylor. Nachdem Familienvater Willie, ein friedfertiger Prediger und Bürgerrechtler, bei Rassenunruhen erschossen wurde, schließt sich sein Sohn Emmet (Leonard Roberts) den Black Panthers an.....
Neben den, mit Ausnahme von Julia Stiles (2001 in "Save the last dance"), hierzulande eher weniger bekannten Hauptdarstellern sind Rosanne Arquette (1985 mit Madonna in "Susan verzweifelt gesucht") als "Hippie Mother" und Carnie Wilson (Tochter von Beach Boy Brian und Mitglied der Gruppe "Wilson Phillips") als "Mama Earth" in Nebenrollen zu sehen. Die "Playliste" liest sich wie ein "Who is Who" des Popjahrzehnts, das neben einer breitgefächerter Schar amerikanischer Protagonisten, wie Beach Boys, Bob Dylan, CSNY, The Byrds, Buffalo Springfield, Lovin' Spoonful, Jefferson Airplane, The Doors, Simon and Garfunkel, The Zombies, Velvet Underground, The Temptations, Smokey Robinson, Marvin Gaye, James Brown und Frank Sinatra (!) auch britische Gruppen, angefangen bei den Beatles über Them, Procol Harlum bis hin zu Traffic vorweisen kann. Im Hinblick auf das Geschehen außerhalb der USA, insbesondere in Deutschland, stellt das Bonusmaterial eine wertvolle Ergänzung dar, weil hierin die wichtigsten Ereignisse themenbezogen und nach Jahreszahl abrufbar sind.
Der Film "The 60s" mag streckenweise klischeehaft, und wegen seinem "Happyend und Heile Welt für Alle" (außer für Kenny Klein) durchaus auch etwas kitschig erscheinen, er ist dennoch eine unterhaltsame, informative und ergreifende Mixtur aus Geschichte, Musik, Emotionen. Als ein Feuerwerk von Zeitgeschichte und Zeitgefühl lässt er einen Film wie z. B. "Uschi Obermaier - das Wilde Leben" samt dessen Coverversionen zu einem oberflächlichen Plagiat verblassen.
5 Amazonsterne - alleine für die Zusammenstellung des Soundtracks!