… und manchmal auch das Nervige - an uns Musikfreunden ist die Tatsache, dass unsere Geschmäcker nicht homogen ist. Es gibt immer solche und solche. Anhand von Bands wie Muse lässt sich das hervorragend aufzeigen. Da gibt es jene, die die drei Engländer seit jeher grausam finden, was meist mit der schwelgerischen Traurigkeit der Musik, der musikalischen Maßlosigkeit und Matthew Bellamys Falsettstimme zusammenhängt. Andere lieben sie aus exakt demselben Grund. Muse polarisiert. Und „The 2nd law“ bleibt wie gehabt eine musikalische Wundertüte. Die Band geht unbeirrbar ihren eigenen Weg weiter und vermischt Stile und Ideen. Vielleicht ist es noch viel zu früh, das Album zu beurteilen, aber ich möchte wie so oft meine ersten Eindrücke teilen.
SUPREMACY beamt den erfahrenen Fan sofort in sein vertrautes Universum. Ein Eröffnungssong wie man sich ihn wünscht, larger than life mit seinen Chören, den Streichern, dem kernigen Riff, dem theatralischen Solo und den Tempowechseln. Led Zep‘s Kashmir im James Bond 007 Gewand. Herrlich! Spannend ist natürlich die Frage, wo ein solcher Song einen Nicht-Muse-Erfahrenen hinbeamt. Aber ich denke, dass ist eine zu theoretische Nerd Diskussion …. ;-).
MADNESS ist dann direkt eine ganz andere Geschichte und glücklicherweise ja schon als Single veröffentlicht gewesen. Glücklicherweise, weil er vielleicht doch etwas Eingewöhnung benötigt. Der Song entspricht auch der dubiosen Vorankündigung und beginnt mit einem Dub Beat, der dann schnell nach Queen Ende der 80er klingt, um in der Melodie Richtung George Michaels "Faith" zu schwenken. Autsch! Da kann einem schon schummrig werden, der Song setzt sich aber schnell fest, brillant, Muse halt. Bei der Veröffentlichung von der ersten Single SURVIVAL sagten Muse, sie hätten etwas Heisses und Aufregendes gemacht und den Tiger losgelassen. Mit MADNESS setzen sie dem Tiger Püschelohren und eine Sonnenbrille auf. Cool, unerwartet und wie gesagt, brillant!
PANIC STATION wird bei den älteren Fans, die die 80er miterlebt haben, mit sehr großer Wahrscheinlichkeit sofort die Buchstaben INXS auftauchen lassen. White Funk, und zwar sehr funky, das hatten wir glaube ich noch nicht bei Muse bis dato. Sehr kurz, sehr knackig. Auf jeden Fall dann dem Song etwas vorsichtiger nähern, vor allen, wenn Du zu jung bist, unm INXS zu kennen.
PRELUDE kann man getrost überspringen, ist nur eben dies.
SURVIVAL war als Single ja schon bekannt. Muse leben ihre Verehrung zu Queen aus, in voller Breite. Erstaunlich immer wieder, dass das so gut funktioniert. Der Song funktioniert natürlich auch noch im Kontext der gesamten Platte.
FOLLOW ME …. Drei Worte nur, Oh mein Gott! Zu Beginn erinnert der Song mit seinem Synthigesummse noch ein wenig an das hochgeschätzte „Take a Bow“, im Refrain geht’s dann aber voll in die Eurodisco. Ich bin auch nach mehrmaligen Hören immer noch etwas ambivalent. Das könnte ein bischen zu viel des Guten sein.
ANIMALS gibt zum ersten Mal etwas Luft zum Durchatmen. Der Song ist einfach aufgebaut, die Gitarren perlen fast schon ein Popsong. Er bietet aber ein sehr willkommene Abwechselung, wenn man die Platte in der Reihenfolge hört (und nicht rumshuffelt ;-) Erst gegen Ende wird es etwas unruhig.
EXPLORERS beginnt mit einem schönen Klavier- und Glockenspielintro. „Free me, free me from this world, I don’t belong here“ schmachtet Matt, die Streicher schwellen behutsam an. Der Song bleibt hübsch, aber auch unspektakulär.
BIG FREEZE zieht dann den Hut vor dem Gitarrenspiel von the Edge, der Song ist aber kein billiger U2 Abklatsch und wird mit dem typischen Muse Chorus ziemlich sicher zu einem Live Highlight.
SAVE ME gehört zu den „einfachsten“ Songs des Albums, eine sehr schöne Ballade ohne große Hektik und Breaks. Bassist Chris darf singen, bevor ihr Euch wundert was da passiert. Stimmlich erinnert er sehr an Herrn Wilson (Porcupine Tree u.a.). Außerhalb des Albums gehört würde man wahrscheinlich gar nicht auf Muse tippen, sondern bspw. auf eine der ruhigeren Midtempo Songs von Porcupine Tree, oder einfach eine schöne Softrock Nummer.
Kaum ist der letzte Song abgeklungen, sägt LIQUID STATE im wahrsten Sinne des Wortes los. Wieder mit Chris am Mikro. Der Song ist kurz und knackig, sehr rockig und fast schon grungig an manchen Stellen.
Es folgt dann nur noch ein würdiges Ende, die beiden Parts von THE 2ND LAW, einer kleinen Rockoper bzw. einem Hörspiel. Part 1 (UNSUSTAINABILITY) skizziert das Chaos, musikalisch und textlich, wühlt mit seinen Nachrichtenpassagen und den Chaos von verschiedenen Sounds auf. Part 2 (ISOLATED SYSTEM) löst dieses Chaos durch seine schlichte Schönheit dann wieder auf und lässt das Album ausklingen.
Und damit ist das Album schon wieder vorbei nach 55 Minuten. Beim ersten Durchlauf brauchte ich eine kleine Pause, weil das doch recht viele Eindrücke waren. Bei den nächsten Durchläufen habe ich immer wieder sofort von vorne angefangen. Es ist im Prinzip wie bei jedem Muse Album, zumindest den drei letzten. Es gibt viel zu entdecken und dafür sollte man sich Zeit lassen. Man muss allerdings wie immer ein wenig die Tür zur Realität und seinen „normalen“ Hörgewohnheiten schließen und sich in Ruhe zurückziehen. Wenn man das macht, dann wird man auch „2nd Law“ zu schätzen wissen. Wenn man das nicht kann oder will, sollte man auch von „2nd Law“ die Finger lassen. Eine paar nicht so brillante Songs sind wie immer auch dabei, aber ebenso auch viele Highlights. Und ob das nun 4 oder 5 Sterne sind, Himmel, keine Ahnung, ich komme gerade erst wieder in der Realität an … ;-)