Nicht nur wirtschaftlich, auch musikalisch scheinen die USA derzeit die Führerrolle einzubüßen: gut für Großbritannien und Skandinavien. Das ausgerechnet bei den uramerikanischen Stilen R&B und Hip-Hop die angesagtesten Künstler von der Insel kommen ist vermutlich ein schwerer Schlag für das amerikanische Ego.
Wer dafür einen Beweis braucht, sollte das Debüt von Estelle versuchen. Selten wurde schwarzer Musik in den letzten Jahren eine derart beherzte und fantasievolle Verjüngungskur verpasst. Statt liebloser Stangenware gibt es hier einen detailverliebten und kreativen Stil-Spagat von einer Künstlerin, die sowohl als Sängerin wie auch als Rapperin überzeugt.
Schon das erste Stück "1980" fesselt mit hymnischen Streichern und wuchtigem Text, und dieses Niveau hält sich fast über das ganze Album. Auch "Don't Talk" und "Dance Bitch" gehen mit verfrickeltem Rhythmus direkt in die Beine.
Im Verlauf des Albums lässt das Tempo nach, nicht jedoch die Qualität. "I Wanna Love You" ist eine ultracremige Ballade, und auch "Maybe" fasziniert mit gedimmter Sexyness.
Besonders interessant erscheint rückblickend die Vorwegnahme des Sechziger-Revivals in den Stücken "Go Gone" und "I'm Gonna Win", das mit Amy Winehouse groß in Mode gekommen ist.
Gott sei Dank herrschen hier noch feiste Beats und warme Samples statt der heute üblichen drahtigen und blutleeren Pseudo-Achtziger-Produktion vor. Überhaupt überrascht die Spannweite der Stimmungen und Einflüsse.
Das Estelle mit dem zweiten Werk "Shine" internationale Aufmerksamkeit bekommt, ergibt sich direkt aus "The 18th Day". So sollte ein Debüt sein: kraftvoll, stilübergreifend, mutig und spannungsgeladen.