Egal, was ich noch schreiben werde oder was Sie über dieses Buch noch hören: Es ist ein großartiges Buch, es macht riesigen Spaß es zu lesen und Annie Proulx ist wahrscheinlich zurzeit Amerikas beste Erzählerin.
Das neue Buch ist ähnlich und doch anders als ihre vorigen. Auch dieses Werk ist perfekt recherchiert, mit viel Liebe zum (geographischen) Detail (ich saß stundenlang mit einer Straßenkarte von Texas daneben) und mit unvergesslichen Figuren bevölkert, die mal wieder herrlich sprechende Namen haben. das fängt beim Protagonisten Bob Dollar an und hört bei Charakteren wie Freda Beautyrooms noch lange nicht auf. Der eigentliche Plot ist schnell erzählt: Der 25jährige Bob Dollar, dessen Eltern ihn als 7jährigen Jungen einfach bei seinem Onkel abgeladen hatten und auf Nimmerwiedersehen verschwunden waren, hat eine durchschnittliche Bildungskarriere hinter sich und hat nun bei Global Pork Rind angeheuert. Für dieses riesige Schweinezuchtimperium soll er mögliche Grundstücke für weitere Schweinefarmen im gottverlassenen Texas Panhandle suchen. Da er mit Widerstand gegen diese stinkenden Großbetriebe rechnen muss, tarnt er sich als Grundstücksmakler für Luxusvillen und verbringt die nächsten Monate im fiktiven Städtchen Woolybucket, wo er einigen alteingesessenen Ranchern versucht ihre Grundstücke abzuluchsen. Letztendlich gelingt ihm das nicht, denn der Stolz der Texaner und die Abneigung gegen die Massentierhaltung sind zu groß. Damit wäre die Handlung schon erzählt, was erstmal enttäuschend wäre, aber wie schon in ihren vorigen Romanen und Kurzgeschichten versteht es Annie Proulx vor allem brillant zu erzählen; und so wird die eigentlich kurze Handlung mit Dutzenden kleiner Stories über die Einwohner des Panhandles und deren Vorfahren geschmückt und gewürzt. Liebhaber von Skurrilitäten und Schnurren kommen voll auf ihre Kosten und so ganz nebenbei erfährt man viel Historisches und Soziologisch über diese Region "Mitten in Amerika", die wahrscheinlich selbst von den Amerikanern relativ vergessen wurde. Genau wie Bob wird man in diesen Mikrokosmos hineingezogen und kann gar nicht anders als ihn mit der Zeit lieb zu gewinnen. Wie immer schmückt Annie Proulx ihre Erzählung mit großer sprachlicher Schönheit. Vor allem die Leser des englischen Originals kommen dabei auf ihre Kosten. Es ist kritisiert worden, dass die Charaktere in diesem Roman diesmal nur skurril sein, aber nicht "rund", dass sie nur wie in einem Kuriositätenkabinett an einem vorbeizögen. Nun, das mag mancher so empfinden, doch man muss erst mal in der Lage sein, solche Charaktere zum Leben zu erwecken. Ich kenne keinen zeitgenössischen Autor/Autorin, der/die das in solcher Vollendung vermag. Allein die liebevolle Zeichnung des Uncle Tam, Bobs Onkel, sei hier erwähnt: Ein Besitzer eines "junkshops", dessen große Liebe der Plastik-Kunst gehört und der alles für eine Bakelit-Brosche aus den 20er Jahren geben würde und der Bob lehrt, wie man Zelluloid von Bakelit am Geruch unterscheiden kann. Es ist auch kritisiert worden, dass am Ende zu viele Handlungsstränge unverknüpft blieben, dass sie quasi richtungslos im Präriewind flattern würden. Nun ja, das Ende ist offen, aber ist das ein Mangel? Eher scheint da schon die Lösung der Handlung kritikwürdig zu sein. Ohne zu viel vorwegnehmen zu wollen, ist der deus ex machina, der das Problem am Ende erst einmal löst, sicherlich mit ein wenig Stirnrunzeln zu sehen, aber andererseits ist diese Lösung durchaus plausibel, wenngleich sie sicherlich sehr überraschend kommt. Proulx gleicht das dadurch wieder aus, dass sie ihren Helden angesichts dieser Lösung sehr zwiespältig zeigt. Es wäre ein Leichtes für ihn sich dieser Lösung, diesem Weg anzuschließen, doch er tut es zunächst nicht und der Leser erfährt auch nichts über Bobs Entscheidung, zu sehr ist er noch im Hier und Jetzt des modernen Amerika verwurzelt, als dass er ohne Weiteres den Rückwärtsgang einlegt. Aber darum geht es Annie Proulx eigentlich: Wie in "Schiffsmeldungen" beschreibt sie eine Anti-Entwicklung des Helden, der von der Großstadt zurück aufs Land geht und zwar nicht wie Quoyle mit seinen eigenen Wurzeln konfrontiert wird, aber zumindest mit den Wurzeln eines ländlichen Amerika, mit dem Pionier und Frontier-Geist einer eigentlich längst untergegangenen Kultur und Gesellschaft, die sich im Panhandle hartnäckig ans Überleben klammert. Insofern ist dieser neue Roman auch wieder ein stark gesellschafts- und fortschrittskritischer und ein zutiefst amerikanischer Roman, den man nur wirklich versteht, wenn man ein bisschen über die USA weiß. Andererseits könnte er dazu (ver)führen, sich mal wieder abseits von Irak-Krise und George Bush mit den USA zu beschäftigen. Man sollte sich aber davor hüten, Proulxs neues Buch einfach nur als grün-liberale Zurück-zur-Natur-Fibel abzutun. Es steckt ein Stückchen davon darin, ja, aber es ist doch auch viel mehr: es geht um Menschen, um ihre Träume und ihre Geschichte(n), um den amerikanischen Traum, was aus ihm geworden ist und was aus ihm werden könnte. Vielleicht will Annie Proulx ein bisschen zu viel mit ihrem neuen Roman, was man z.B. an dem alten Indianer festmachen könnte, der Manitous Hilfe für Bob Dollar, der natürlich auch der archetypische Amerikaner auf der Suche nach Erfolg und Ansehen ist, herabfleht. Der wirkt wirklich etwas sehr aufgesetzt, aber all diese Kritikpunkte werden durch die wunderbare Erzählung und Sprache wieder wettgemacht. So etwas ist heute selten geworden und deshalb kann man es gar nicht genug loben.