Genau so muss Country sein! Als ich noch ganz weit vom Country entfernt meinen Truck parkte, nannte ihn ein Freund den Blues des weißen Mannes, noch genauer, der weißen amerikanischen Unterschicht. Stimmt, das ist genau die Haltung die Jamey Johnson auch einnimmt - die des ewigen Verlierers, des Aufgebens aus Mangel an Hoffnung und dem Eingebundensein in Schicksal und Umstände. Nur hin und wieder schimmert die trügerische Hoffnung auf in die Freiheit entkommen zu können - selbstverständlich ohne jeden Dollar im Truck mit leerem Tank.
Am besten beschreibt dieses Lebensgefühl einer Krisenzeit Johnson im Begleittext des Booklets selbst: Du wachst früh morgens total verkatert in Deinem Pick-Up-Truck auf, hast die Scheidung vor der Brust und der Aufnahmevertrag mit der Produktionsfirma ist gecancelt. Du weißt, wenn Du jetzt noch restbesoffen losfährst, geht es definitiv schief. Also wirfst Du den Schlüssel des Trucks in Dein Bett und pennst selber auf dem Beifahrersitz weiter - während draußen der Regen in Schwarz/Weiß-Tönen niedergeht. Stellst Du Dir das jetzt vertont vor, dann hast Du einen Eindruck von Johnson's Musik.
Klar, das ist Country, Country pur sogar, selbst Nashville-Country. Da kommt nix anderes rein. Aber statt Stetson gibt es zu langes, sehr karg gewordenes Haar mit Fransenbart. Statt galoppierender Pferde, langsam dahinschlurfende Trucker und ganz viel stinkenden Diesel in überschweren Trucks. Da galoppiert nichts klappernd, auch nicht die Musik. Die entwickelt sich eher langsam, das ist das reizvolle an dieser Aufnahme. Deiner abgestürzten morgendlichen Gemütslage entsprechend, eher die Regenwand vertonend. Und obwohl ein schwerer, wummernder Bass den Grundton angibt, ähnlich dem Motorgrollen Deiner Maschine, zwei bis drei E-Gitarren einen fast Wall artigen Sound erzeugen, und eine B3-Orgel diesen Sound konturiert, ist doch die Steel das absolut führende Instrument - neben der Stimme Johnson's. Und die ist schwer im Bariton gehalten, nur manchmal höhere Bereiche erklimmend, wenn die Gangart dann doch mal anzieht. Das ist Country par excellence!
Auch wenn das alles erst mal so klingt, als sollten hier alle Country-Clichés vermieden werden - doch das tut's natürlich nicht. Sie werden nur anders bedient, da sich eben auch die Clichés des Country, mit solchen Musikern wie Shooter Jennings und eben auch Jamey Johnson, in den letzten 30 Jahren massiv gewandelt haben und einer radikalen Romantisierung des Loosertums unterzogen wurden - der Blues des weißen Mannes, verloren in seinem Verstricktsein. Und war ich bislang immer dabei meine individuellen inneren imaginierten Cormack McCarthy oder Daniel Woodrell Verfilmungen mit Southern Gothik zu untermalen, bin ich nun bereit diese Filmmusik durch diesen - und nur diesen! - Jamey Johnson Country zu ersetzen...hm, zumindest teilweise.