"Thank You" ist das Album, das Duran Duran nach ihrem zweiten Karrierehöhepunkt das Genick brach. Es sollte 1994 dem überaus erfolgreichen "Wedding Album" nachgeschoben werden, und da es sich bei den Titeln ausschließlich um Coverversionen handelt, hätte man annehmen können, dass diese in Nullkommanix im Kasten sind. Aber weit gefehlt, Spannungen in der Band und endlose Neuabmischungen, bis die Plattenfirma grünes Licht gab, sorgten dafür, dass es Frühjahr 1995 wurde, bis die CD in den Läden stand. Und dann ging das Gezeter erst richtig los: die 'seriösen' Musikmagazine überschlugen sich darin, Gift und Galle zu spucken: wie kann eine ehemalige Teenieband es wagen, Rock- und Rapmeilensteine zu covern?! - Während lustigerweise die gecoverten Musiker selbst größtenteils wohlwollend reagierten, was aber kein Kritiker erwähnte. Die Voraussetzungen waren also denkbar schlecht, und so löste sich die neu erworbene Reputation mitsamt Karriere wieder in Luft auf; Duran Duran sind heute noch dabei, sich davon zu erholen. Und als wäre das nicht genug gewesen, wurde "Thank You" 2006 von Lesern des Q Magazines in die Liste der schlechtesten Alben aller Zeiten gewählt - auf den ersten Platz. Auf so bekannt hätte ich das Album allerdings gar nicht geschätzt.
Warum ich trotzdem 5 Sterne vergebe? Weil ich es verdammt gerne höre! Okay, als alter Duran-Hase bin ich befangen in meinem Urteil, aber für mich funktioniert "Thank You" gar nicht so sehr im DD-Kontext, da die Songauswahl nur wenig mit dem restlichen Repertoire gemein hat. Da es eine Hommage an die musikalischen Vorbilder sein sollte, hätte ich auch eher auf Bowie, Roxy Music oder Kraftwerk getippt, stattdessen finden sich Songs von Public Enemy, Led Zeppelin oder Bob Dylan. Und das wäre auch das einzige, was ich zu bemängeln hätte. Sieht man davon ab, ist "Thank You" ein kompakter Rückblick auf vergangene Musikjahrzehnte im modernen Gewand, der mir immer wieder Spaß macht. Ach so, wer jetzt ein 80er-Synthiepop-Album erwartet, wird enttäuscht, denn Gitarre und (echtes) Schlagzeug bestimmen den Sound.
1. "White Lines" (Grandmaster Flash and Melle Mel, 1983) zusammen mit den Originalinterpreten fusioniert Rock, Rap und Disco und geht richtig ab.
2. "I Wanna Take You Higher" (Sly & The Family Stone, 1969) sorgt mit Grandmaster Flash and The Furious Five im Hintergrund nochmal ordentlich für Partystimmung.
3. "Perfect Day" (Lou Reed, 1972) dämpft dann das Tempo - eine verträumte Ballade mit einem kurzzeitig zurückgekehrten Roger Taylor am Schlagzeug und einem relaxten, bunten Video.
4. "Watching The Detectives" (Elvis Costello, 1977) klimpert und streicht das Schlagzeug mit einem reggae-artigen Beat; war anfangs mein absoluter Favorit.
5. "Lay Lady Lay" (Bob Dylan, 1969) finde ich jetzt nicht so umwerfend, ist aber nett anzuhören und besitzt durchaus Charme.
6. "911 Is A Joke" (Public Enemy, 1990) ist die Kritiker-Zielscheibe Nr. 1: wie kommen englische upper class-Schnösel auf die Idee, einen Rap-Song über katastrophale Zustände in amerikanischen Schwarzen-Ghettos zu covern? Ich weiß auch nicht, was sie da geritten hat, aber es klingt nach Beck mit Blues-Mundharmonika, und das ist einfach großartig! Großartig lächerlich für manche, gewiss ...
7. "Success" (Iggy Pop, 1977) gibt wieder kräftig Gas und donnert mit lautem Schlagzeug und Glamgitarren aus den Boxen. Live war das damals (auf der Akustiktour 1993) noch kraftvoller.
8. "Crystal Ship" (The Doors, 1967) kommt mystisch-verträumt daher - und bleibt dem ursprünglichen Sound sehr treu. Auch das wurde schon vorher gespielt, nur begleitet von einer Akustikgitarre, die Melodie teils gepfiffen. Auch intensiver als später (also hier) auf Platte.
9. "Ball Of Confusion" (The Temptations, 1970) ist mein Lieblingstrack auf dem Album: so ein geiles Rhythmusgerüst!!! Aussagen wie "Politicians? Can you f*cking believe them?" oder Einwürfe wie "Gun Control! The sound of soul!" passen jetzt zwar wieder nicht so richtig zu dem Image, das man mit Duran Duran verbindet, aber MICH kümmert das nicht.
10. "Thank You" (Led Zeppelin, 1969) wurde schon 1994 in einer demoartigen Version auf dem Soundtrack zu "With Honours" veröffentlicht. Die Albumversion hier hat aber mehr Schmiss und vor allem lautere Gitarren. Gekonnter Gesang, nur gegen Ende zieht es sich etwas hin.
11. "Drive By" (Duran Duran, 1982) ist nur angelehnt an "The Chauffeur" vom "Rio"-Album. Live wurde "Drive By" als dessen Intro genutzt. Die Lyrics werden gesprochen und beschwören mit dem Backgroundgesang eine fesselnde Atmosphäre herauf: sehr sehr schöner Abschluss, wäre da nicht noch ...
12. "I Wanna Take You Higher Again" (s.o.), eine geglättete Version von Track 2 mit zurückgeschraubtem Backgroundgesang und elektronischem Beat. Geht okay, aber ich hätte auch ohne gekonnt.
Ich kann nur empfehlen, sich ohne Vorbehalte einzulassen, und verspreche erstauntes Augen- und Ohrenaufreißen! "Thank You" lässt sich anstandslos durchhören, kann Spaß machen und zum Träumen anregen. Man sollte sich nur vom Namen "Duran Duran" nicht blenden lassen, weder im positiven noch im negativen Sinne ...