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Theophanien einer Fliege
Weiterlesen: Helmut Kraussers Roman «Thanatos»
Was soll das sein? Ein synthetischer Mythos aus dem Geist der unbegrenzten Speicherkapazitäten, ein spätromantischer Nekrolog auf unsere schuldvergessene «Zeittotschlags-Gesellschaft» oder das «zweitjüngste Gericht» nach der Amnesie Gottes? Ein «Trophäensammelsud gottähnlicher Sekunden», ein «gigantisches Fresko der Hölle» oder das Produkt übermässig genossener Rauschmittel am PC? Ein Porträt des Künstlers als toter Mann, ein Nachschlag von Foucaults Pendel oder ein «menschliches, bedingungslos ehrliches, ja zärtliches Buch» (Klappentext)? Helmut Kraussers schwarzer Roman erfüllt alle bedingten Erwartungen und bedingungslosen Befürchtungen: «Thanatos» ist ein Ungetüm, hochreflektiert und akademisch verbildet, disziplinlos wuchernd und mit Zitaten prunkend, phantastisch, gestelzt und sterbenslangweilig, kurz: ein Ärgernis. Und trotzdem origineller als so manch anderes Kunstprodukt aus der Bastelstube unserer beflissen ausgetüftelten Akademikerliteratur.
Seit das bayrische Kraftgenie mit seinem Opus maximum «Melodien» zum Hoffnungsträger der deutschen Gegenwartsliteratur promoviert wurde, ist ihm die notorische Vorfreude auf sein nächstes Werk sicher, sprich: die mit jedem Buch erneuerte Zuversicht, «dass von Helmut Krausser Bedeutendes zu erwarten sein könnte» («Frankfurter Allgemeine Zeitung»). Auch sein jüngstes Epos, diesmal 562 Seiten knapp, ward nicht nur prima vista von der «Süddeutschen Zeitung» zum vielversprechendsten Epos des Bücherfrühlings gekürt, sondern post festum auch nach eingestandener Lektürequal noch mit dem Durchhaltebonus bedacht. Gerhard Schulz empfahl in der «FAZ» das «Weiterlesen entgegen aller Neigung», um an jenen Punkt zu gelangen, der «mit den ersten 310 Seiten aussöhnt». Der Mann hat beinahe recht.
Datenbank hinter der Stirn
Man muss dazu wohl skizzieren, was auf den 310 Seiten zuvor geschah. Johanser, ein zur Glatze neigender Germanist mit einer Datenbank hinter der Stirn, ist das spätromantische Universalgenie dieses Totenbuchs, bleich, schwarz gekleidet und «fast ohne Mienenspiel» ein Zuspätgeborener, der in den Archiven des Berliner Instituts für deutsche Romantik die blaue Blume seiner wahren Identität sucht, in Wackenroders «Herzensergiessungen eines kunstliebenden Klosterbruders» das Palimpsest seiner postmodernen Gemütsrelikte und an den Ufern des Acheron seine wahre Bestimmung. «In seinen flackernden Augen verbrannte die Gegenwart.»
Dieser Todesengel aus den Archiven der schwarzen Romantik ist ein rechtes Kind unserer Zeit. «Unfähig, selbst schöpferisch zu werden», durchwühlt er verbissen «die Werke anderer, suchte stellvertretende Stimmen, suchte nach Untertiteln seines Schweigens»; die Überschriften borgt er sich bei Hölderlin, Hamann, Hofmannsthal, Bonaventura und anderen aus. Selbst eine Kopie aus dem Regal der Dünndruckausgaben verhilft Konrad Johanser dem Institut durch Manuskriptfälschungen, die «das Bild einer ganzen Epoche umkrempeln», zu internationalem Renommee. Naturgemäss bleibt er dabei unangefochten von Selbstzweifeln, «da er doch Kunst, wo sie Qualität besass, ihrem Wesen nach für eine Fälschung der Welt hielt» und die Historie für eine «Knetmasse ohne Letztform».
Damit ist das poetische Programm deklariert, der Freibrief zur Anleihe amtlich und die Erwartungen an den Helden auf eine Ausgabe zweiter Hand zurückgeschraubt. «Er war kein berauschter Rächer, er war magenkrank. War kein Dionysosjünger, war Weinsäufer, war kein messianisch Liebender, war Fussfetischist.» Auch mit so einem liesse sich Literatur machen.
Doch vorerst kommt es nicht so weit. Denn Krausser hat ihm für den 310 Seiten langen romantischen Umweg, der laut Novalis «immer nach Hause» führt, zu allem übrigen auch noch ein psychologisches Gepäck aufgebürdet, das Johansers Reise heim auf die Schwäbische Alb durch die ungemütlichen Gefilde einer verwaisten Kindheit führt. Als der Papierschwindel mit den blauen Blüten der Germanistik auffliegt, flüchtet der philologische Taugenichts in die Provinz zu Tante Marta und Onkel Rudolf, die dem Neffen zum lang entbehrten Elternpaar werden behindert nur von Cousin Benedikt, einer zeitgenössischen Rüpelausgabe seiner selbst.
Dieser pubertierende Doppelgänger, geldgierig, computergesteuert und sprachlich verludert, hat den Beweis zu exekutieren, dass die heutige Jugend verdorben ist und die Welt früher irgendwie besser war weshalb der Totengott ihn schon in sein schwarzes Buch eingetragen hat. Johanser ist sein Vollstreckungsgehilfe ja er ist Thanatos und am Schluss gar der Tote selbst.
Museum der Schreie
Bis es zu diesem Punkt kommt, muss der Leser nicht nur mit Tante Marta die Herzensergiessungen eines kunstliebenden Archivangestellten, sondern auch verschwitzte Liebeshändel mit Dorf-Teenagern durchstehen, samt wackeren Genre-Szenen vom Dorfe weil alles rein muss ins Buch, was in letzter Zeit hitverdächtig aussah. Dazwischen zitiert Krausser Fragmente aus dem grossen Buch der romantischen Universalpoesie, die wie mythische Nebel über den Wassern der schwäbischen Acher schweben. Ihr Prophet ist ein schrulliger Alter mit «dem Äusseren eines hinterhältigen Kleingärtners» und dem Inneren eines kosmologischen Spinners, dessen Theorien über die Seele des Weltalls in einem «Museum der Schreie» ihren irdischen Resonanzraum finden; es ist mit dem Wappentier des modernen Weltekels, den «Theophanien einer Fliege» gesegnet. Auch hier gilt noch die Devise: Die meisten Fliegen haben ein aufregenderes Leben als die Bücher, mit denen man sie erschlägt.
Das alles ist, um den Fliegen-Mythosophen zu zitieren, «dauerhaft gewöhnungsbedürftig». Und Krausser lässt seinem Helden und dem Leser viel, zu viel Zeit, sich an das Leben auf dem Land zu gewöhnen. Dann schlägt Johanser seinem Cousin den Schädel ein.
Konrad Johanser ist ein Liebhaber von Palindromen und hört, hört einer Droge namens Rutaretil, was man rückwärts gelesen, als Programm nehmen darf: ab Seite 310 läuft die Geschichte zurück. Der Mord auf der Schwäbischen Alb wird zum Schritt durch den Spiegel, Gelenkstelle in jenem Prozess, in dem Johanser sich seinem Opfer anverwandelt. Zum Umschlagpunkt auch einer Reise in eine Zone, in der «alles Traum ist». In dieser Zone «gibt's keine Schuld» und, was für den Leser wichtiger ist, auch keine lang ausgewalzten Passagen biederer Heimwerkerprosa mehr. Im letzten Teil läuft Krausser zu surrealistischer Form auf. Mag die Droge «Rutaretil» auch dem metaphorischen Delirium Vorschub leisten Kraussers schrille Expressionismen zeugen von einer eigenwilligen literarischen Energie.
Am Schluss sind Mörder und Opfer, finstere Schönheit und blühender Unsinn, die Engelszunge der Literatur und das Palindrom des apokalyptischen Höllenrauschs, kurz: Original und Kopie eins. «Fälschungen und Gauklerstücke», weiss Johanser, «finden verborgenste Wege zur Wahrheit, sind die sehnsuchtvollsten Elaborate menschlicher Erfindungskraft.» Wer auf dem verborgenen Pfad zu dieser Wahrheit des Zeitgeists unterwegs nicht schlapp gemacht hat, muss gestehen: dieses Gauklerstück ist mit Kunstverstand oder besser Talent komponiert. Man kann das Buch, wie der Klappentext vorschlägt, als Parodie lesen, freilich fehlt ihm dafür die Ironie. Man kann es als Riesenbluff lesen, als «Entertainment», als Fake. So oder so bleibt Krausser, was er schon vorher war: die chronisch uneingelöste Hoffnung der deutschen Gegenwartsliteratur.
Andrea Köhler -- Neue Zürcher Zeitung -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
In Helmut Kraussers Thanatos wird beschrieben, wie dieser sich mehr und mehr des Konrad Johanser bemächtigt und über den Lebenswunsch siegt.
Die Geschichte:
Johanser ist ein weltmüder, enttäuscht liebender, alkoholkranker Literaturwissenschaftler, vielmehr Besessener als Forscher, gebannt von der Ästhetik der frühen Romantik. Er fälscht Originale alter Dichter und flüchtet vor den Konsequenzen der Aufdeckung aus der Großstadt ins Ländliche und dringt in das Leben einer verwandten Familie ein. Immer wieder verlängert er seine Aufenthalte bei Onkel, Tante und Cousin und löst durch seine Anwesenheit den Ausbruch lange schwelender Konflikte innerhalb der Familie aus.
Der Junge Benedikt tritt Johanser offen gegenüber, die Cousins begegnen sich als fühere bzw. spätere Ausgaben ihrer selbst. Jeder erkennt den eigenen Verfall, die eigene Gequältheit und den eigenen Lebensüberdruß im anderen, was beide nicht verkraften.
"Der Alltag wird zur Bedrohung, tiefer und tiefer verstrickt er [Johanser] sich in Schuld, Lüge und Wahn", heißt es treffend im Klappentext des Buches.
Schließlich explodieren Gefühle und Wahnsinn ...
Was sich in diesen wenigen Zeilen sehr abstrus lesen mag, erscheint bei der Lektüre von Thanatos plausibel und wirklich. Krausser erzählt geradezu bruchstück- und episodenhaft und meist aus der Sicht Johansers. Das ruft im Leser das Gefühl hervor, wirklich jeder Protagonist des Romans wäre irgendwie verrückt, bedrohlich und geheimnisvoll. Die dörfliche "Idylle" ist bevölkert von Gaffern, Käuzen und Unpersonen, die Großstadt erscheint als Moloch, als Irrenhaus.
Die Sicht und der immer wirrer und nebulöser werdende Blick auf die Dinge und Konflikte erscheinen fast schon logisch.
"Thanatos" ist gleißend und dunkel zugleich. In expressionistischen, verzerrten Sichtweisen auf die Bedrohlichkeit der Stadt, die Droge als Flucht, auf Sexualität als Negation und Aufschrei, zitiert Krausser in knapper, rauher Sprache Kafka, Trakl und Georg Heym; in romantischen, fragmentarischen, lyrisch anmutenden Bildern folgt er Wackenroders und Novalis` Sehnen nach Rückzug, Glauben und Mystik und karikiert gleichzeitig das vermeintliche Land-Idyll als Asyl und Gefängnis zugleich. Darin eingebettet ist moderne Zivilisations- und Deutschtums-Kritik, und über alldem bzw. mitten darin findet sich eine bedrückende und fesselnde Lebens- und Leidensgeschichte, die zugleich als Psycho-Krimi und Groteske (und wahrscheinlich noch als vieles mehr) gelesen werden kann.
Der Roman bindet den Leser trotz oder gerade wegen seines hohen Anspruchs bis zum Schluß. Mit dem Verfall der Persönlichkeit Johansers gerät auch der Stil des Buches aus den Fugen, wird verschleierter und fratzenhafter, die Begrifflichkeit schmerzerfüllter.
Thanatos ist verstörend und tief beeindruckend, erfordert aber auch wegen der Sprache Kraussers einiges an Konzentration und ist deshalb als U-Bahn-Lektüre nur bedingt geeignet. Wer sich jedoch vor Mitdenken nicht scheut, den belohnt das äußerst spannende und mitreißende Werk reichlich, zumal dies ein Buch ist, das mehr zu bieten hat, als sich nach einmaligem Lesen erschließt, das man durchaus mehrfach und aus verschiedenen Blickwinkeln lesen kann, und das trotz und wegen seiner Abründigkeit Literatur-GENUSS bietet, ohne auch nur im geringsten zu langweilen.
Der Literatur"experte" findet unzählige, ihm bekannte Stimmungen und Zitate, ein Resümee bzw. eine Verquickung verschiedener Epochen, der "Durchschnitts"-Leser einen ausgezeichneten, packenden Psycho-Krimi.
Ein Juwel!
Drei Tage lang ist man beim Lesen des "Thanatos" gefesselt und am Ende weiss man gar nicht genau warum. Die Helden sind unsympathisch, die Geschichte wirkt ausgedacht und schildert das Abgleiten der Existenz des Geisteswissenschaftlers in den Wahnsinn. Die meisten Rezensenten befanden, daß es in "Thanatos" um deutsche Mentalitäten gehe. Schließlich steht auch schon im Klappentext, daß in dem Roman sichtbar würde, "wo das typisch Deutsche seine Wurzeln hat", und Tod und Deutschland passen ja bekanntlich gut zusammen In "Thanatos" gibt sich der Held - Konrad Johanser - sehr kontemplativ. Als klassischer Melancholiker "in Feindschaft mit sich und seiner Umgebung" zählt er die Sekunden, "und wenn sechzig zusammen waren, flocht er ihnen ein Bändchen um und schrieb MINUTE drauf, und wenn sechzig Bändchen zusammen waren, legte er sie in einer Kiste namens STUNDE ab und wenn sich zwölf Kisten vor ihm hoch stapelten, weigerte er sich, sie als Tag anzuerkennen, rannte aus der enggewordenen Wohnung, hockte sich mit Wein an die Spree und soff, in der Böschung versteckt, bis die NACHT vorbei war". Johanser findet nach seinem Germanistik-Studium eine Anstellung als Archivar im Berliner "Institut für Deutsche Romantik". Nach dem Tod des alten Chefs besetzt er dessen Position. Soviel zum Aufstieg und zur Exposition. Geheiratet wird auch noch, und dann muß natürlich alles langsam zusammenbrechen. Mit der Zeit verliert Johanser das Interesse an seiner Frau; zieht sich zurück an seinen Schreibtisch und beginnt sein Talent zur Handschriftenfälschung zu entdecken. Er erfindet Briefwechsel und versteckt seine Fälschungen in den Kellern des Archivs. Man findet die Texte, ein ganz neues Licht fällt auf die Romantik; das von Finanzkürzungen bedrohte Institut macht nachhaltig in der Öffentlichkeit auf sich aufmerksam, die anstehende Schließung wird verhindert; als die Echtheit der Funde bezweifelt wird, verliert Johanser seine Stellung und nimmt - um alles in der Entfernung noch einmal zu überdenken - bei Verwandten in einer bayerischen Kleinstadt eine klassische Auszeit vom Leben. Jetzt kommt sie Zeit in der Kleinstadt: Tagsüber geht er Landschaft angucken, nachmittags sitzt er in der örtlichen Gastwirtschaft und beobachtet die hübsche Kellnerin. Wunderbar trifft Krausser den normal-depressiven Kleinfamilienalltag, liefert mitreißende Schilderungen der Verzweiflung, die den Verzweifelten auch zum Idioten machen und vor allem schreibt Krausser mit einer Leidenschaft, die man sonst nur bei leider meist zweitklassigen Undergrounddichtern findet. (Dies ist eine Amazon.de an der Uni-Studentenrezension.)
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