Verspricht der Titel ein Handbuch für "Online-Redakteure", so beschreibt das Buch Dinge, die ein Redakteur schon als Volontär während seiner Ausbildung hätte lernen sollen. Entweder, der Verfasser kennt das Berufsbild des Redakteurs nicht, oder er geht schlicht davon aus, dass sich jeder mit dieser Bezeichnung schimpfen darf, ohne das Handwerkszeug jemals gelernt zu haben. Der Titel: Ein Handbuch für "Hobby-Schreiber" wäre passender.
Nun zu den Tipps: Was der Autor an Tipps vorbringt ist nichts neues. Alles Bekanntheiten seit Jahren, auch die zur Begründung herangezogenen Arbeiten beispielsweise von Nielsen sind schon "alte" Hüte. Die Tipps, die sich auf das Schreiben beziehen können zum größten Teil bei Wolf Schneider nachgelesen werden. Hätte sich der Autor an die Tipps und Regeln von Wolf Schneider gehalten, so hätte er uns viele peinliche Anglizismen in diesem Buch erspart. Es hat oft den Anschein, dass der Slang der guten alten "New Economy" nochmals hochgehalten werden sollte. Was vorne als Tipp angegeben wurde, wird weiter hinten im Buch wieder verworfen. (Tipp vorn' im Buch: Lange Wartezeiten vergraulen den "User" - Ein Tipp im hinteren Teil des Buches: Reportagen im Web müssen mit Audio- und Video-Sequenzen versehen werden...)
Die Definition, die Analyse einer Zielgruppe vor dem Schreiben wird aus dem Buch ausgeklammert. Vielmehr versucht der Autor schon auf den ersten Seiten den Unterschied zwischen Leser, User, Mensch und Kunde aufzuzeigen. Wahrlich gewagt! Ein Mensch, der am Bildschirm liest ist kein Leser, sondern ein User, im kündigsten Fall sogar ein Kunde.
Es tut weh, in einem Handbuch für Redakteure Tipps über das Recherchieren zu lessen, die goldene und lebenswichtige Regeln einfach weg lassen. Ein Blick in ein Buch von Martin Haller "Recherchieren" hätte nicht geschadet. Noch ein Punkt möchte ich anschneiden: In diesem Buch suchen Sie verzweifelt und vor allem vergebens nach einem einzigen Satz über die Verbindung Online/Print. Nicht in einem Satz wird dazu Stellung genommen, dass durch das World Wide Web die Möglichkeit gegeben wird, Dokumente zu finden und diese als Ausdruck zur Verfügung zu stellen. Eine Cross-Media Philosophie fehlt dem Buch. Der Schreiber geht mit einer unprofessionellen Arroganz davon aus, dass Texte im Netz nur am Bildschirm gelesen werden. Dass aber eine ganze Reihe an Menschen über das Netz nach Informationen suchen, diese auf Papier aber letztlich "konsumieren" bleibt als Aspekt aussen vor. Kein Wort von PDF, druckfreundlichen Layouts, Typo-Unterschiede oder ähnliches
FAZIT: Misstrauen Sie dem Titel. Aller höchstens kann dieses Buch Hobby- und Amateur-Schreibern dienen. Aber auch denjenigen kann man dieses Buch nicht empfehlen: Zu viele Fehler, Ungereimtheiten, Marketenderfloskeln und einfach handwerklich schlecht gemacht.