In den ersten Kapiteln werden Arbeitsgrundsätze, Techniken und Anleitungen für die verschiedenen Arbeitsphasen einer Textanalyse vermittelt. Diese umfassen die Vorbereitung der Textanalyse, das Lesen als aktives Arbeiten am Text, das Strukturieren des Textes mithilfe einer Gliederung sowie das Zusammenfassen der wesentlichen Inhalte und Argumentationen. Unter diesen mehrheitlich bekannten Inhalten ist insbesondere das Kapitel über die wissenschaftliche Textform des Abstracts erwähnenswert. Ein Unterricht, der heutzutage versäumt, die AbiturientInnen in die Textform des "wissenschaftlichen Kurzgedichts" einzuführen und sie nicht lehrt, verschiedene Formen von Abstracts zu verfassen, unterlässt sicher Wesentliches im Hinblick auf ein Hochschulstudium. Gleiches muss für die Erstellung einer Textanalyse-Strategie nicht zwingend gelten, doch könnte dieses interessante Instrument den SchülerInnen helfen, ihre Lesearbeit zur Vorbereitung für die Mündlichmatura zu strukturieren. »Wenn es sich überhaupt lohnt, einen Text zu lesen, so lohnt es sich, ihn mehrfach zu lesen« - von diesem schönen Bonmot des Buches liesse sich leben. Den Hauptteil des Buches bilden jedoch zweifelsohne die letzten beiden Kapitel, in denen in akribischer Gründlichkeit gezeigt wird, wie auf zwei eigentlich simple Fragen geantwortet wird: »Was steht genau im Text?« und »Wie wird argumentiert?«.
Was genau steht im Text?
Vertiefte Textanalysen setzen sprachwissenschaftliche und logische Kenntnisse voraus. Um gegen Mehrdeutigkeit und Vagheit auf inhaltlicher Ebene vorzugehen, führen die Autoren in semiotische und logische Grundkenntnisse ein, behandeln die Methoden des Definierens, Explizierens sowie der Metaphernanalyse. Für philosophisch ungeschulte LehrerInnen dürfte vor allem die logische Analyse von Begriffen interessant sein, die sich konsequent an den Fragen orientiert, wovon etwas ausgesagt wird, und was davon ausgesagt wird. Bei komplexen Begriffen wie z.B. jenem der «Verantwortung» kann eine logische Analyse durchaus hilfreich sein: »Subjekt x ist vor der Instanz y in Bezug auf die Norm z für die Handlung oder Handlungsfolge v gegenüber w verantwortlich« - nicht weniger als fünf Leerstellen weist der Begriff auf, ein deutlicher Hinweis dafür, dass der Begriff in einem Text besondere Beachtung verdient. Wie schnell geht eine Leerstelle vergessen oder wird falsch ausgefüllt! Hilfreich sind auch die Beispiele: Der NZZ-Artikel zum Strassenbau, in dem der Begriff der «Sanierung» in unreflektierter Mehrdeutigkeit verwendet wird, gehört zu den vielen Trouvaillen des Buches.
Wie wird argumentiert?
Wer den Anspruch erhebt, etwas zu wissen, übernimmt auch die Verpflichtung, über seine Gründe für diesen Anspruch Auskunft zu geben, und wer sich das Wissen eines Textes aneignen will, muss nachvollziehen können, wie sich die Gründe des Texts zu schlüssigen Argu-menten fügen. Dass dies keine leichte Kunst ist, zeigen die mehr als hundert Seiten, die zu den erhellendsten, aber auch schwierigsten des Buches gehören. Nebst einer Einführung in die Grundbegriffe der Argumentationstheorie enthält das Kapitel detaillierte Anweisungen zur Rekonstruktion von Argumenten und zur Beurteilung von Schlüssen. Davis Humes Argument zur Kreationismusdebatte des 18. Jahrhunderts ist dabei ebenso lehrreich wie Nelson Goodmans Widerlegung der Behauptung, dass Ähnlichkeit ein Hauptkriterium für ein Verhältnis der Repräsentation sei. Es gehört zu den Stärken des Buches, dass es mit prägnan-ten Fallbeispielen zur Klärung schwieriger Begriffe beiträgt, und wer etwas nachschlagen möchte, kann dies auch mithilfe der Infoboxen in kurzer Zeit bewältigen. Der "modus ponens" dürfte den meisten noch bekannt sein, die "Äquivokation", die
"enumerative Induktion" und der "statistische Syllogismus" wohl eher nicht. Ein Grund neugierig zu sein.
Alles in allem leistet das Buch aus der Küche der Eidgenössisch Technischen Hochschule (ETH) einen wichtigen Beitrag zur Förderung der überfachlichen Kompetenz des Textverstehens.