Western, der filmische Auswuchs des amerikanischen Heimatfilms, im Jugendjargon der Kindheit im Deutschland der zurückliegenden 60er Jahre waren es - unabhängig des jeweiligen Subgenres - immer und irgendwie Cowboyfilme. Und das Land, in dem sie spielten, war irgendwie und immer Texas.
Texas, das sind die Ewings und ihr Dallas. Dallas, das ist die Stadt der Ermordung Kennedys. Texas, der Lone Star State, ist der an Fläche zweitgrößte Bundesstaat der USA (nach Alaska), der an Einwohnern zweitgrößte Bundesstaat der USA (nach Kalifornien). Ein Land der Pioniere, einstmals ein Teil von Mexiko, dann - für kurze Zeit - eigenständige Republik, dann der 28. Staat der Union der Staaten von Amerika. Das alles, und noch viel mehr, bildet Umfeld und historischer Hintergrund von "Texas" aus dem Jahre 1985, dem kolossalen Texas-Roman von James A. Michener (1907-1997); Michener, großartiger Romancier genau solcher Erzählungen - über Länder, Menschen, Abenteuer.
Eingebettet in eine Rahmenhandlung, wo Mitte der 1980er Jahre ein Sonderstab des texanischen Gouverneurs gebildet wird, eine Gruppe Auserwählter (auch Task Force genannt), die sich mit dem Geschichtsbild des Staates befassen soll, zur Klärung und Vereinheitlichung dessen was den Kindern des Landes näher zu bringen und in die Schulpläne aufzunehmen sei. Hintergrund sind die Sesquicentennials, die Hundertfünfzigjahrfeiern der Unabhängigkeit von Mexiko.
Mitglieder des Gouverneurstabs: Dr. Travis Barlow, der Ich-Erzähler der Rahmenhandlung, sowie vier Nachkommen von Familien, deren Auftritte in entscheidenden Stellen der Gründung und Entwicklung des Staates ihre jeweilige Bedeutung hatten. Die vier: Ransom Rusk, Lorenzo Quimper, Efrain Garza und Lorena Cobb, die wie Dr. Barlow vermeintlich vom Gouverneur ausgewählt wurden, in Wirklichkeit jedoch von James A. Michener zur Strukturierung seiner Erzählung. Sie geben die Vielfalt der Herkünfte der Einwanderungs- und Siedlungswege wieder, aber auch die wirtschaftlichen Erfolgsgeschichten der verschiedenen texanischen Bevölkerungsteile.
Und vieles davon, was Wurzel und Unterbau des Landes bildet, hat zu tun mit: Mexiko. Und hier beginnt die Geschichte "an einem dunstigen Novembertag des Jahres 1535". Fast zweihundert Jahre später befinden wir uns mitten in der Erzählung über Simon Garza - und in James A. Micheners Buch lesen wir die wunderschöne Beschreibung des Paesos von Zacatecas. Es handelt sich hierbei um die geregelten Spaziergänge der unverheirateten jungen Mädchen aus gutem Hause, die täglich am Abend zwischen sieben und neun Uhr auf dem Platz vor der Kathedrale stattfanden. "Die Männer schlenderten entgegen dem Uhrzeigersinn an der Außenseite des Platzes entlang und blickten dabei stets auf die Mitte der Plaza, wo die unverheirateten Mädchen innerhalb eines großen Kreises im Uhrzeigersinn dahinschritten. Etwa alle zehn Minuten stieß ein junger Mann fast frontal mit einer bestimmten jungen Frau zusammen, und auf diese altehrwürdige, dem spanischen Brauch entsprechende Weise betrieben die jungen Herren ihre Werbung."
Die Regeln dieser Promenaden waren eindeutig. Unter den gestrengen Augen der spanischen Mütter gab es keine Eigenwilligkeiten. Annäherungen von Männern, die nicht dem gesellschaftlichen Stand entsprachen, wurden durch die Mütter brüsk zurückgewiesen. Wie schreibt Michener über diese Madres: "Sie waren die Elite von Zacatecas, die Peninsulares, in Spanien geboren, die ständig davon träumten, in dieses herrliche Land zurückkehren zu können."
Tatsächlich stellt diese Beschreibung die Einleitung einer der endlos vielen Untergeschichten in "Texas" dar. Als Leser sind wir mit dabei, bei den spanischen Besiedelungen, bei der späteren Unabhängigkeit von und den Kriegen mit Mexiko, bei der Schlacht von Alamo, beim amerikanischen Bürgerkrieg, den Öl- und sonstigen wirtschaftlichen Erfolgsgeschichten des 20. Jahrhunderts.
So wie James Michener schreibt ist es schwer, Personen, Verhaltensweisen und menschliches Empfinden ausdifferenziert zu vermitteln. Das darf man weder verlangen noch es im Ansatz auch nur zu finden hoffen. Wer diese Abstriche machen kann, der kann mit dem Werk dieses großen amerikanischen Schriftstellers mehr als nur klarkommen.
Trotzdem soll nicht unerwähnt bleiben, dass der Roman in Texas selbst auf wenig Gegenliebe stieß und insgesamt nicht gut aufgenommen wurde. Das Texas Monthly, das zweimonatlich in Austin erscheinende Magazin, das sich als Chronist des liberalen Lebens Texas' versteht, kam nicht umhin, Michener seinerzeit sogar den gefürchteten Bum Steer Award - eine Art jährlicher Fettnäpfchen-Oscar - zukommen zu lassen: für abgedroschene Dialoge und die stereotype Zeichnung der Menschen und ihrer Verhaltenweisen.
Wie schon angedeutet: bei James Albert Michener ist das so. Man kann durchaus das eine oder andere bei ihm lernen. So manches Historische. Fakten, die einem sonst nicht interessieren würden, bzw. über die man ansonsten hinweggegangen wäre.