Von Krautrock zu Techno – mit seinem Über-Album meldet sich der Vorzeige-Gigolo machtvoll zurück.
So richtig auf der Rechnung hatte man Hell – mal wieder ohne vorangestelltes „DJ“ – eigentlich nicht mehr unbedingt. Ein Jahrzehnt nach „Munich Machine“ und nach Abflauen der weltweiten Wirkmächtigkeit seines enorm verdienstvollen Gigolo-Labels schien sich die künstlerische Existenz irgendwo in plötzlich angestaubt wirkenden Italo-House-Sets und dem weltweiten DJ- und Lifestyle-Jetset zu verlieren. Mit „Teufelswerk“ jedoch setzt sich Hell scheinbar mühelos wieder ganz oben auf die aktuelle Agenda.
Techno scheint nach den Flurbereinigungen der letzten Jahre wieder lebendiger als lange zuvor. Ein wieder erstarkter Underground-Gestus vereint sich mit neuem Hedonismus fernab von Mayday- oder Loveparade-Exploitation, über Berlins Vorzeige-Location Berghain liest man inzwischen häufiger im Feuilleton als im Veranstaltungsteil, dank seiner Rolle im Szenefilm „Berlin Calling“ rennt man Altheld Paul Kalkbrenner wieder die Bude ein und selbst im gemeinen Indie-Club um die Ecke kann man unversehens auf ein reinrassiges Techno-Set treffen. Hell liefert dazu den punktgenauen Soundtrack – eine Art Konzeptalbum in Sachen Techno-Aufarbeitung, eingeteilt in Nacht- und Tag-Seite.
Kernstück des „Night“-Albums ist „The Disaster“, das mit einer simplen Oldschool-Yamaha-Synthesizer-Sequenz die Fanfare des teutonischen Techno überhaupt aufgreift. 3Phases „Der Klang der Familie“ wird auch heute noch von vielen als der essenzielle Track der hiesigen Techno-Ravekultur begriffen. In gut zehn Minuten demonstriert Hell quasi als angewandtes Lehrbeispiel, wie Techno funktioniert: mit genügend Zeit zum Entwickeln einer Euphorie aus einem einfachen Beat und wenigen hocheffizient eingesetzten Synthesizer-Sequenzen mit maximalem Wiedererkennungswert auf dem Floor.
„Rhythmus, Klangbaustein, Elektronik“ und „München, Frankfurt, Berlin, Düsseldorf, Technologie“ fasst Hell das in der präzisen Kraftwerk-Hommage „Electronic Germany“ zusammen, dem zweiten eindeutigen Referenz-Track. Und auch sonst lässt er sich nicht lumpen, kann im elegant pumpenden Opener „U Can Dance“ mit einem bis dato ungenutzten Bryan Ferry-Vocaltrack aufwarten und lässt P. Diddy in „The DJ“ über Vier-Minuten-Versionen lästern, in denen man sich unmöglich austoben könnte. Klar, dass eine Durchschnittslänge von acht Minuten pro Track Pflicht für dieses Album sind.
„Day“, das Komplementärwerk, ist oberflächlich besehen ein exzellent produziertes Ambient-Album. Tief in der musikalischen Vergangenheit holt sich Hell dafür die Inspiration. Beginnend mit „Germania“ – und das muss man auch erstmal bringen, einen Track so zu nennen – schlägt er den Bogen von den frühen Zeiten eines Aphex Twin (oder runtergerechnet auf teutonische Verhältnisse: Cosmic Baby) zur progressiven deutschen Musikelite der Siebziger. Krautrock ist das Stichwort, ein Begriff, der weniger als musikalisches Genre funktioniert, denn als Kategorisierung einer experimentellen, teils spielerisch teils technokratisch psychedelische Grenzwerte erforschenden Musik, die heute noch nachwirkt. Techno wäre ohne Bands wie Can oder Neu!, gar ohne Kraftwerk nicht denkbar. Mit „The Angst & The Angst Pt. 2“ lotet Hell aus, wo die Nahtlinien zwischen popmusikalischer Tradition und Moderne heute verlaufen können. Als Abschluss spendiert er mit „Silver Machine“ gar noch eine Huldigung an Hawkwind, die wohl am krautigsten agierende einigermaßen bekannte Spacerock-Band.
Nichts weniger als ein Über-Album ist „Teufelswerk“ geworden, ein eindrucksvolles Statement zur Lage von Techno, das weit über den Tellerrand des Tagesgeschäfts auf dem Floor oder irgendwelche Hitlisten hinausreicht. Manchmal kommen sie wieder. Tanz den Hell!
Kurzbeschreibung
DJ Hells langerwartetes neues Artistalbum "Teufelswerk" - ganze 6 Jahre nach "N.Y. Muscle" - kommt im Doppel und begeistert die Kritiker ausnahmslos! Die erste Hälfte "Night" (CD1) verbindet Detroit & Chicago Einflüsse mit Hells verwegenem Verständnis von Elektronik und zielt geradeaus auf den Dancefloor. Zu den Key-Tracks gehören der geschwungene Disco-Burner "U Can Dance" mit niemand geringerem als Roxy Music-Sänger & Stilikone Bryan Ferry(!) on vocals, der Freestyle-Jacker und künftige Single "The DJ" feat. P. Diddy sowie das unheimliche, von Antony Rother co-produzierte "Bodyfarm2". Eine Techno-Electro-Spitzenproduktion! Auf der von Peter Kruder produzierten CD2 "Day" definiert Hell seine Version von kosmischer Musik. Zusammen mit dem Multi-Instrumentalisten Christian Prommer (Sonar Kollektiv, Fauna Flash) und dem deutsch-italienischen Jazz-Pianisten Roberto Di Gioia unternimmt Hell eine Zeitreise zurück in die frühen 1970'er Jahre zu den deutschen Elektronikpionieren, mit denen er aufwuchs. Anspieltipps sind die erste Vorabsingle "The Angst", die Tracks "Germania" & "Hell's Kitchen" sowie die Adaption von Hawkwinds "Silver Machine" namens "I Prefer Women To Men Anyway".
Mit "Teufelswerk" gelingt dem "international vielleicht erfolgreichsten deutschen Discjockey" (Cicero Online) ein Meisterwerk elektronischer Musik, bei dem Detroit & Chicago-Grooves auf den Geist von Kraftwerk, Neu & DAF treffen! Auch das markante Coverartwork zitiert einen der Stil prägensten Klassiker aller Zeiten im Spannungsfeld zwischen Musik, Style & Fashion: Grace Jones "Nightclubbing"! "Teufelswerk" ist Hells persönliches Aushängeschild 2009! Sympathy for the Devil!