Abgesehen von dem hochinteressanten Stoff, den Peter Dempf hier verarbeitet, ist es geradezu be- wundernswert, wie er die einzelnen Figuren mitein- ander verstrickt und somit eine Souveränität der Konstruktion beweist, die man als Leser auch schon von Dempfs Hieronymus Bosch kennt. So packtiert beispielsweise die Figur Reibenstein, der der katholischen Kirche angehört zunächst mit Pater Konrad aus dem gleichen Lager, dann jedoch mit seinem schärfsten Konkurrenten Ole Stierna, der den Schwedischen Truppen angehört, und schließlich mit Salomon Idler selbst, der durch einen vermeintlichen Zufall an die Skizzen zum Bau einer Wunderwaffe geraten ist, die kriegsentscheidend sein könnte im Augsburg des Dreißigjährigen Krie- ges. Letztlich aber handelt jener Reibenstein völlig allein und in höchstem Maße egoistisch. Jener Reibenstein ist allerdings dazu symptoma- tisch für eine weitere Stärke dieses Romans: er ist das Paradebeispiel für eine deutlich zu vernehmende aber dennoch nicht aufdringliche Mystik, die typisch ist für Peter Dempfs Stil und die eine zusätzliche Spannung für den Leser bietet. Der "Fuchs" versteckt sein Gesicht immer unter einer Kapuze, keiner kann je seine Identität bestimmen und er scheint nicht nur über alles und jeden informiert zu sein, sondern auch noch überall gleichzeitig und unverhofft aufzutauchen. Erst viel später zeigt er sei wahres Gesicht, oder tut das doch nur scheinbar, da man lange nicht weiß, welchen Plan er denn nun eigentlich verfolgt. Er läßt zwar erkennen, wer sich hinter der Kapuze verbirgt, nicht aber, was hinter seinem äußeren Wesen vorgeht, was hinter seinen Äußerungen und Taten tatsächlich steckt. Das Ende dieser Figur halte ich für eine schlicht geniale Idee, die den Leser überraschen und über- zeugen wird. Man könnte über jede einzelne Figur eine ausführliche Interpretation schreiben, weil jede ihr eigenes fest definiertes Profil aufweist und kein Charakter flach, starr oder oberflächlich dargestellt wird. Selbst die als Randfigur anmutende Hutter Babette zeigt sich dem Leser allmählich als bedeutend und vielschichtig. Sie ist in besonderem Maße von metaphysischen Charkter. Der Krüppel, der scheinbar nur noch zusammenhangloses Gebrabbel von sich geben kann, erweist sich als wissendes Opfer. Hinter ihren vermeintlichen Äußerungen des Wahns verbirgt sich die reine Wahrheit, werden die Machthaber und ihre Greuel verraten und ihre blanke Unmenschlichkeit gezeigt. Schließlich Idler selbst: der einfache Schuster, der einzig das Ziel verfolgt, sich einen großen Traum zu verwirklichen. Er verkörpert ein besonderes Opfer des grausamen Krieges: er wird von beiden Parteien gelichermaßen verfolgt und gejagt. Gleichzeitig aber - und dies ist ein weiteres Spannungsfeld - ist er ihnen allen überlegen. Er allein hat die Möglichkeit, sich zu berfreien, Freiheit als reines Glücksgefühl zu erleben und zu genießen, indem er mit seinem Fluggerät abhebt und über den Wirren der Welt und den niederen Trieben und Machtkämpfen der Menschen zu schweben in der Lage ist. Alles Unschöne und Grausame befindet sich dann tatsächlich UND im übertragenen Sinne unter ihm, ist für einen kurzen Augenblick weit weg. Er wird unerreichbar. Idler stellt sich bewußt sowohl gegen die machtpolitischen Ziele des Krieges, als auch gegen die pseudo-religiösen Motive. Er ist der Träumer, der sich nicht durch animalisch-triebhaftes oder religiös-verklärtes Machtstreben von seinen Sehnsüchten abbringen läßt, und das macht ihn überlegen. Dabei zeigt Idler aber nicht nur Züge, die von niemandem anfechtbar zu sein scheinen, sondern läßt erkennen, daß auch er durchaus bereit ist, Verluste und die Mitleidenschaft ihm nahestehender Personen in Kauf zu nehmen. Eine der großartigsten Stellen des Romans ist der Prolog. eine Taube wird von einem Sperber, einem Raubvogel, gejagt und überwindet ihren Verfolger durch Geschicklichkeit und ein gutes Versteck. Idler beobachtet dieses Szene, die wirkt wie der Beginn eines Films. Dabei weiß er nicht, daß hier genau die Situation des Schusters, der Hauptfigur, dargestellt wird, wobei dieser sein Symbol in der Taube findet. Dieser Beginn leitet außerdem ein Motiv ein, auf das der Autor im Folgenden immer wieder anspielen wird: das Motiv des Fliegens, die Sehnsucht nach Freiheit, die Überwindung menschlicher Grenzen und die erweiterung des eigenen Horizonts. Was schließlich an der Sprache dieses Buches so bemerkenswert ist, ist die Tatsache, daß man als Leser tatsächlich das Gefühl hat, eine Geschichte ERZÄHLT zu bekommen. Der allzu lakonische Stil, der vielen Autoren heutiger Zeit wie eine Krank- heit anhaftet und unerträglich ist, findet man bei Peter Dempf nicht. Dieser Roman entführt seine Leser und läßt sie nicht mehr los, und dies ist ein nicht unbedeutendes Kriterium für die Güte eines literarischen Werks. Der Teufelsvogel also ist gelungen von der ersten is zur letzten Seite und verdient die fünf Sterne bedenkenlos.