Aus der Amazon.de-Redaktion
Das Teufelskind schildert den mörderischen Rachefeldzug Aiko Matsushimas und legt dabei ein tragisches Leben frei: begonnen bei einer Kindheit im Bordell in den ärmlichsten Regionen Tokios, als Prostituierte und Zimmermädchen schonungslos der Kälte und Rücksichtslosigkeit der Welt ausgesetzt. Dann plötzlich erwacht das Böse in ihr. Und von da an gibt es kein Erbarmen mehr...
Das Teufelskind ist ein verstörendes Buch. Das hat zum einen damit zu tun, dass es wie eine literarisch anspruchsvolle Mischung aus Sozialroman und Thriller daherkommt. Das hat aber vor allem auch damit zu tun, dass seine Sprache, der fremden literarischen Tradition (und der kongenialen Übersetzung durch Frank Rövekamp) geschuldet, so faszinierend fremdartig anmutet. Alles in allem also ist Das Teufelskind das grandios komponierte Psychogramm einer geschundenen Seele. Und einer der besten Thriller der letzten Zeit. -- Stefan Kellerer " -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Kurzbeschreibung
Aiko Matsushima kennt die Härten des Lebens von Kindesbeinen an. Sie wächst in einem Bordell in Tokio heran, ihr Vater ist unbekannt, von ihrer Mutter fehlt jede Spur. Umgeben von Armut und Elend muss sie früh lernen, erbittert um ihre Existenz zu kämpfen – und ihre Träume von einem besseren Leben für immer zu begraben. Doch es kommt der Tag, an dem das Böse erwacht in ihr. Und sie, die nichts zu verlieren hat, lässt ihren Regungen ungezügelt freien Lauf, bereit, alle Tabus zu brechen ...
Klappentext
Frankfurter Allgemeine Zeitung zu "Die Umarmung des Todes"
"Am eindrücklichsten sind die Frauenfiguren gezeichnet. Die prekäre Situation der Prostituierten aus dem Bordell in Yokosuka, die jahrelang ihren Körper verkauft haben, um am Ende ihrer beruflichen Laufbahn in Armut zu versinken, ist offensichtlich. Kirino erzählt darüber hinaus allerdings auch von ganz normalen japanischen Hausfrauen, die durch die finanzielle Abhängigkeit von ihren Ehemännern in die Rolle einer Dienstmagd gezwungen werden, und von alleinerziehenden Müttern, die ihre Kinder unter der Hand zur Adoption anbieten, um mit dem Geld ihre drückenden Schulden zu begleichen. So verbirgt sich unter der grausamen Oberfläche dieses vermeintlichen Psychothrillers ein düsterer Bericht vom Rand der japanischen Gesellschaft."
Deutschlandradio Kultur
"Ein Provokanter und schonungsloser Roman - das faszinierende Psychogramm einer jungen Frau, die ihre Seele verloren hat und zur Serienmörderin wird."
Seite 4
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Über den Autor
Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
An einem Frühlingsabend schickte sich das Ehepaar Kadota an, seinen zwanzigsten Hochzeitstag auswärts zu feiern. Eigentlich hatte sich Misae gefreut, nach so langer Zeit wieder einmal essen zu gehen, Minoru bestand jedoch auf dem Restaurant Kinka-En in Higashi-Nakano, was ihre Freude etwas trübte. Der Geruch von gebratenem Fleisch würde sich in ihrer Kleidung festsetzen. Misae trug das Imitat eines Missoni-Strickanzugs, den sie beim Räumungsverkauf einer Boutique inOOkubo ergattert hatte. Aufgrund ihrer Leibesfülle zogen sich die Maschen unvorteilhaft in die Breite. Der dauerwellengelockte Inhaber der Boutique hatte ihr jedoch mit den Worten geschmeichelt, diese rot-blau-gelb-grüne Farbkombination ließe ihren Teint strahlender erscheinen, und so war sie ganz stolz auf ihren Anzug. Misae wäre lieber in ein Restaurant am Hakodate-Markt gegangen, um Sushi zu essen. Wenn sie daran dachte, wie die noch schön gekühlten Thunfischstückchen auf dem Fließband heranrollten, lief ihr das Wasser im Munde zusammen.
»Du hättest mir gleich sagen können, dass du dich schon für koreanischen Braten entschieden hast.«
Minoru überhörte den leisen Vorwurf seiner Frau und begann voller Begeisterung, koreanische Gerichte aufzuzählen: »Rippenfleisch, gebratene Innereien, gesalzene Zunge mit Lauch, Kimchi, Glasnudeln mit Fleisch und Gemüse. Wenn noch Platz ist, essen wir koreanischen Pfannkuchen und zum Abschluss Reisauflauf oder Reissuppe. Oder vielleicht auch Suppe mit Kimchi, Tofu und Fleisch. Oder aber wir bestellen nur das Rippenfleisch in bester Qualität und verzichten dafür auf den Rest.«
»Bestell aber bitte auch Roastbeef«, setzte Misae dagegen. Minoru, der vor ihr mit federndem Schritt durch die Gassen von Nakano ging, schien es nicht zu hören. Er trug eine verwaschene, etwas zu große Jeans und einen Parka. Seine braun gefärbten Haare waren mit Gel nach hinten gekämmt. Wie ein Künstler ließ er sich einen leichten Kinnbart stehen. Obwohl schon in fortgeschrittenem Alter, wirkte der kleine und schmächtige Mi- noru noch wie Anfang dreißig. Misae beobachtete ihren Mann, der sich so offenkundig auf das Bratfleisch freute. Ein ewiges Kind. Ihr fünfundzwanzig Jahre jüngerer Mann.
Als die beiden zusammengezogen waren, hatte Misae gemeint: »Du kannst mich Mama nennen.« Zuerst hatte Minoru diese Anrede nur im Flüsterton gebraucht und sie niemals in Gegenwart anderer Leute benutzt. Jetzt schmetterte er sein »Mama« laut und ungeniert heraus. Die kinderlose Misae schätzte es im Grunde nicht, in der Öffentlichkeit von ihrem Mann »Mama« gerufen zu werden. Ihr kam es dann so vor, als wolle Minoru damit seiner Umwelt den falschen Eindruck vermitteln, bei ihnen handele es sich nicht um ein Ehepaar, sondern um eine langsam in die Jahre kommende Mutter mit ihrem Sohn im besten Alter. Wenn sie unter sich waren, fand sie Minoru reizend. Nur seine Art, sich vor anderen Leuten unnötigerweise aufzuspielen, war ihr zuwider. Vielleicht nahm sie jedoch eher an dem Umstand Anstoß, dass ihr Äußeres sie mehr und mehr daran hinderte, als seine Ehefrau zu gelten? Letzteres war wahrscheinlicher. Misae fasste den Entschluss, sich verstärkt um mehr Jugendlichkeit zu bemühen.
»Oh, das Ehepaar geht aus, wie schön!« Ein älterer Mann, der auf dem Parkplatz vor der Pachinko-Halle gerade sein Fahrrad abschließen wollte, hob den Kopf und grinste. Der Mann war Chef der Baufirma, in der Minoru bis Jahresende angestellt gewesen war. Minoru richtete den Blick zu Boden und gab keine Antwort. Misae setzte dagegen ein Lächeln auf. Sobald der Chef in der Pachinko-Halle verschwunden war, machte Minoru ihr heftige Vorwürfe:
»Mama, da gibt es wirklich nichts zu lachen. Der Kerl hat immer mir die Schuld gegeben, sogar für einen schiefen Fußboden. Dabei war schon die Grundkonstruktion missraten. Für die kann ich nichts. Ich bin Zimmermann. Der wollte nur die Verantwortung auf mich abwälzen. Das hat mich wütend gemacht.«
Minoru war ein schlampiger Zimmermann, und es gab oft Beanstandungen: Bodenknarzen, Risse in den Wänden, eindringender Regen, schiefe Böden. Ein Beschwerdeanruf erreichte ihn sogar einmal zu Hause: Die Golfbälle seien mit großem Getöse davongerollt. Der pachinkoverrückte Chef der Firma hatte ihm bereits vor drei Monaten gekündigt. Minoru hatte seine Stelle mittlerweile viermal gewechselt. Er war wohl
doch ein schlechter Handwerker. Trotzdem bemühte er sich nicht ernsthaft um einen neuen Arbeitsplatz. Wenn Misae an die Zukunft dachte, wurde ihr angst und bange. Im Alter von weit über sechzig bekäme sie wohl kaum eine andere Stelle als die einer Putzfrau. Das hätte sich aber mit ihrem Stolz als ehemalige Karrierefrau nicht vereinbaren lassen, und so kam es dazu, dass beide sich mit Misaes Rente bescheiden mussten. Da konnte man sich einen Luxus wie Bratfleisch eigentlich nicht leisten.
»Spricht man so über seinen guten alten Chef? Wer weiß, vielleicht kann er dir helfen, eine andere Stell e zu finden.«
Misaës Gesichtsausdruck verhärtete sich, ihr Ton blieb dabei aber freundlich. Eine Begabung aus ihrer Zeit als Erzieherin im Kinderheim.
»Mama!« Minoru zog einen Schmollmund. »Dieser Kerl hat sich früher über uns beide lustig gemacht. Ist ja schon peinlich, dass deine Frau älter ist als ich, hat er gesagt.«
Vor Ärger schoss Misaë das Blut in den Kopf. Aber ihr Wille, Minoru einen Arbeitsplatz zu besorgen, war stärker. »Könntest du nicht einfach darüber hinwegsehen und ihn um Hilfe bitten?«
»So denken nur alte Leute. Die Jugend blickt nach vorne.«
»Was soll das heißen? Du bist auch nicht mehr jung - mit zweiundvierzig.«
Auf diese Attacke von Misaë machte Minoru ein verblüfftes Gesicht. Wie eine überraschte Ziege. Misaë fand es plötzlich amüsant. Früher hatten sie in dem Kinderheim, in dem sie beschäftigt war, eine Ziege gehalten. Wie hieß die noch gleich?
»Minoru, im Sternenkinderhaus gab es doch eine Ziege. Die hatte einen Kinnbart genau wie du. Wie nannten wir die? Wir hatten ihr zusammen hinter dem Haus eine Hütte gebaut, aus den Kaninchenställen.«
»Ach, weiß ich nicht mehr.«
Das Thema Sternenkinderhaus bewirkte bei Minoru stets schlechte Laune. Das Kinderhaus in der Altstadt war vor sieben Jahren mit einem großen Bezirkskinderheim zusammengelegt worden, und damit war auch sein Name verschwunden. Während Misaë diese Nachricht damals traurig stimmte, hatte Minoru Erleichterung verspürt.
Die in Plastik eingeschweißten Speisekarten des Restaurants Kinka-En waren von einem klebrigen Fettfilm überzogen. Ungeduldig sah sich Misaë nach der Bedienung um. Es war eine kleine Kneipe mit fünf Tischen, die insgesamt nur etwa zwanzig Gäste fasste. Alle Plätze waren besetzt. Durch das ganze Lokal zog weißer Qualm. Hinter den Schwaden konnte man einen Mann mittleren Alters ausmachen, der sich auf die Theke lümmelte und gebannt auf den Fernsehschirm oben im Hängeregal starrte. Seine Gesichtszüge wiesen ihn als Koreaner aus. Auch die weibliche Bedienung lehnte an der Theke und verfolgte träge die Sendung. Sie musste fast einen Meter siebzig sein, war also sehr groß für eine Frau. Die beiden sahen sich offenbar die Sieben-Uhr-Nachrichten im Sender NHK an. Anstatt fernzusehen, könntet ihr die Speisekarten abwischen und zügig die Bestellungen aufnehmen, dachte sich Misae und wollte ihre Beschwerde schon vorbringen, als das Profil der Frau mit der auffällig platten Nase eine Erinnerung in ihr wachrief. Sie begann angestrengt nachzudenken. In letzter Zeit wurde ihre Vergesslichkeit immer schlimmer. Versuchte sie, sich einer Sache zu entsinnen, passierte es immer öfter, dass sie vergaß, woran sie sich erinnern wollte. Darüber war sie verärgert und beunruhigt zugleich. Minoru, der die Speisekarte studierte, fragte beiläufig:
»Mama, du willst bestimmt Soda mit einem Schuss Schnaps?«
»Zuerst ein Bier. Igitt, der Gestank zieht in meine schönen Kleider....