Ich habe das neue Neal-Werk aus Zufall zum ersten mal an einem sehr tragischen Tag einer meiner besten Freunde gehört. Er hat am 5. Mai seinen Vater verloren, und das mit 17. Da er ein guter Freund ist, ich den Vater kannte und da ich sowieso immer mitfühle, hat mich das sehr mitgenommen. Noch dazu ist das eine Sache, die in meine Birne nicht reingeht: Ein 17jähriger Junge, der ohne Vater aufwächst.
Das als persönliches Vorwort (für ein persönliches Album), denn genau in diesen Momenten wird einem mehr als sonst klar, dass Neals Musik von Herzen kommt und an die Herzen seiner Hörer gerichtet ist. Neben Musiktheorie, dem Vorwurf, Morse-Musik sei ewig gleich, neben musikalischen Leistungen, schwachen oder guten Texten ist genau DAS für mich ein wichtiger Punkt. Musik kann noch genial sein, wenn sie (mich) nicht berührt, ist zick.
Doch Neals Musik berührt, bringt zum Weinen, Lachen, Mitsingen. (Auch) das macht für mich gute Musik aus. Und Morse-Musik war schon immer so, doch mit seinem letzten Werk ist ihm für mich ein großer Wurf gelungen. Mit Teil eins hat das hier nicht mehr allzu viel zu tun. Es ist anspruchsvoller, kantiger, proggiger und vielseitiger als alles was wir von ihm in den letzten Jahren gehört haben. Obwohl typisch Neal, hören wir diesmal wieder mit etwas Beard-Feeling. Kein Wunder; er singt ja auch über die Bärte. Bemerkenswert dabei: Die Schmalzballaden Marke 'ganz-schlimm' hat er dabei im Baukasten gelassen und stattdessen mehr Einfallsreichtum und Eier eingebaut. Passagen, die einen zum Boden ziehen, die einen an eigene gute/schlechte Erfahrungen erinnern (Jayda), gibt es immer noch. Doch entweder hat er diesmal den Schmalz vergessen, oder er hat sich ein paar Rezensionen zu seinen Vorgängeralben durchgelesen.
Trotz aller Unterschiede setzt Neal an, wo er 2003 aufgehört hat: mit Pt.6 seines Lebens. Die Grundmelodie des ersten Teils wirft uns wieder voll ins Geschehen (Morse-Melodien vergisst man nie), bevor er mit Mercy Street in Wind-At-My-Back-Manier losfrönt. Schöner Einstieg. Kurz darauf finden wir uns in einer absolut Neal-typischen Overtüre wieder. Frickelfrickel, Bombast, Groove, Orchester. Einige Themen aus Teil eins bekommen wir auch zu hören. Ein solches leitet uns auch in das folgende Time Changer ein. Er enthält endlich mal wieder einen geilen Acapella-Part. Und der wurde gesungen von.. tadaaa den Herren Spock's Beard! Auch thematisch wird berichtet von 'Spock's, the new kid in town'. Und es wird noch 'beardiger', mit einem waschechten Zitat aus einem frühen Spock's-Beard-Song (verrate aber nicht welcher, hehe). Am Anfang musste ich beim Refrain unwillkürlich an eine SpongeBob-Folge denken, wo SpongeBob 'Supermarkt, gibt's Pfannenwender und noch mehr' singt.. Naja, wieso nicht ein wenig Humor einbringen?
Pt.6 wird abgeschlossen mit einer der schönsten Balladen von Morse: Jayda. Kein überschwänglicher Bombast und Jeeeesus und Goood (die kommen später), sondern 6/8, akustische Gitarre, Streicher, ein tieftrauriger Text und eine zerbrechliche Stimme. Auch Portnoy benimmt sich. Am Ende gibt es doch noch ein bisschen Bombast, aber gemäßigt und passend. Groß.
Pt.7 beginnt mit einer Art Ladies-And-Gentlemen-Mister-Ryo-Okumoto-On-The-Keyboards Teil zwei. Livefeeling, ein schreiender Neal und Impro-Soli. Dann wird's wieder vertrackter und dramatischer. Wir befinden uns in Time Has Come Today (hat aber mit dem Song von Beware Of Darkness nicht das Geringste zutun). Zwei Minuten instrumental Meisterklasse, bevor man straight weiterrockt.
Dann kommt Morse nach Hause vom Muggen und geht erstmal zur Kirche. Jesus' Blood ist eine Ballade, aber erneut nicht halb so schmalzig wie einst Wasted Life, sondern düster (Vergleich: Sola Scriptura) und ergreifend. Abschluss von Pt.7 bildet ein straighter Mid-Tempo-Rocker ähnlich Long Time Suffering, aber mit mehr Gimmicks und Dramatik.
Der Beginn von Pt.8 erinnert mich anfangs an The Separated Man, ähnelt aber sehr dem 39th Street Blues (Snow). Jesus Bring Me Home ist musikalisch ähnlich; die beiden könnten demnach auch ein Lied sein. Abschluss bildet eine Gänsehaut-Reprise des Grundthemas von Teil eins. Road Dog Blues ist gar kein Blues, sondern eine Art Rejoice zwei. Geht aber nur 2min, bevor man vom Fröhlichen wieder ins Dramatische übergeht. Eine Minute ist Ruhe (Pianoinerludium), bevor man mit It's For You Dramatik und Drive perfekt verbindet. Das Stück ist eins der besten des Albums. Klavier, Orchester und Drums dominieren den Song, den Abschluss bildet ein Key-Gitarren-Synchrosolo. Man bekommt wieder Gottes Melodie (wir erinnern uns: God's Theme aus Teil eins) zu hören, bevor sich mit Crossing Over/Mercy Street Revisited ein Finale entwickelt, das mittlerweile typisch für Neal ist. Auch hier: nur halb-schmalzig. Wir hören eine schöne Durchführung des Albums und einen triumphierenden Abschluss Marke 'Großes-Bombast-Kino'.
CD2 hat drei Lieder. Absolute Beginner ist nix großes, aber ein netter Rocker. Von der Sorte werden wir wohl dieses Jahr vom Morse-Morse-Portnoy-Projekt hören. Supernatural ist getragener und Morsetypisch. Aber keine Ballade. Und mit Seeds Of Gold schafft Neal wahrscheinlich seinen besten Longtrack seit Stranger In Your Soul. Piano-Intro ala Doorway, Bombast, bissel Gefrickel und getragene Stellen. Diesmal findet man auch ein wenig Neoklassik UND ein geiles Solo von Steve Morse. Gerade hier hört man Transatlantic stark raus. Und das Wort Gott kommt nicht einmal vor (yesss!!). Genialer Song!
Fazit:
Ich frag mich woher Neal immer diese genialen Melodien hernimmt. Vertrackt, aber eingängig und mit absoluter Ohrwumgarantie.
Neal hat seinen Neuanfang mit Testimony begonnen, vielleicht ist es jetzt Zeit, mit Testimony II von hinten wieder von vorn anzufangen? Man bekommt musikalische und textliche Anspielungen zu hören, vielleicht bedeutet das ja was? Noch dazu SB's Gastspiel, Morses Beitrag auf SBX und die Transatlantic-Reunion.. Ich sehe Neal schon wieder mit den Bärten auf der Bühne stehen.
Doch ob mit oder ohne Bärte, Neal macht immer(noch) große Musik für jedermann. Testimony II ist Neals bestes Werk seit langem und übertrifft Teil eins in vielerlei Hinsicht. Zumal hier mehr Potenzial auf eine CD gebannt wird als bei Teil eins auf zwei.
Und um noch mal auf die Einleitung zurückzukommen: Neal ist mittlerweile Freund und Helfer seiner Hörer geworden, zumindest mir hat er schon durch so manche Phase geholfen. Und von aufhören ist wohl noch nichts zu sehen. Ich frag mich, ob's ein Testimony III geben wird ;)..
Friedrich Stenzel, 18