Kein Abklatsch alten Erfolges - nein, Rush haben sich mit ihrem neuen Album anno 1996 mal wieder in völlig neue Dimensionen gewagt.
Ein modernes Album, in dem Themen von Kommunikation unter Menschen und Entscheidungen wie ein roter Faden von Song zu Song immer wieder auftauchen.
Der Opener "Test For Echo" präsentiert sich gleich als einer der besten und tiefgründigsten Songs, die Rush jemals geschrieben haben. Eine außergewöhnliche Struktur geht mit tiefsinnigen Lyrics von Neil Peart einher. Gänsehaut ist hundertprozentig garantiert, wenn der Einsatz des Anfangsrefrains "Here we go - vertigo, video vertigo, test for echo" von Geddy Lee nach zwei Strophen ("What a show - vertigo...") ein paar Töne höher liegt als zu Beginn des Songs. Der schnörkellose Bass zusammen mit der unheimlich straight wirkenden E-Guitar beim Refrain wird in Zwischenpassagen direkt einer Klangdichte gegenübergestellt, die es bei Rush so noch nie gegeben hat: heavy Gitarren und brachialer Sound. Es stimmt wirklich: Die kanadischen Pro-Rocker haben nie zuvor in ihrer langen Karriere härtere Musik gemacht. Und dabei gehen die wunderschönen Details niemals verloren: das inspirierende und niemals statische Drumming von Neil Peart, die Vielseitigkeit von Alex Lifeson, der sämtliche Strukturen auspackt, die man auf einer Gitarre spielen kann, wodurch man in keiner Sekunde des Albums den Eindruck hat, man habe diese Stelle schon einmal gehört. Zudem sind Geddy Lees Stimme und Bass-Spiel so quietschfidel wie eh und je. Jeder einzelne Song auf t4e hat seine ganz besonderen Momente und Stimmungen... der geniale Rhythmus von "Driven", die musikalisch wundervoll zum Ausdruck gebrachte positive Stimmung in "Half The World" trotz (oder gerade wegen!) des schwierigen Themas der Unterschiede zwischen Teilen der Welt... die wunderschöne Melodielinien in "The Color of Right", bei dem es um Entscheidungen geht, um richtig und falsch, Licht und Schatten...
Die unheimliche Grundstimmung in "Time and Motion", die durch kühle Keyboard- Atmosphäre verstärkt ist, wird mit "Totem" wieder in Optimismus umgewandelt: Das Totem ist ein Symbol für das, was man verehrt, und der Song "Totem" verehrt die Vielfältigkeit von Religion auf der ganzen Welt ("The Garden of Allah - Viking Valhalla [...] Vishnu and Gala - Aztec and Maya") und insbesondere das, an was man glaubt und wie Glaube Berge versetzen kann.
In "Dog Years" erfahren wir mit intelligent witzigen Lyrics, warum die Zeit, die wir zum Leben haben, so wichtig ist und wie leicht man sie entsprechend dem Titel plötzlich in "Hundejahren" leben kann - eben sieben vergangene Jahre, ein gelebtes Jahr.
"Virtuality" betrifft das moderne Thema der Kommunikation via Internet. Hierbei werden kritische Töne zum Verlust des persönlichen Kontaktes angeschnitten - und die Illusion, die Welt per Tastendruck retten zu können. Wer sich die Lyrics hierzu mal genauer ankuckt, findet nicht nur super Zitate, sondern auch Anregungen für sich selbst und Gründe zum Nachdenken.
"Resist" ist einer der ruhigeren Rush- Songs mit außergewöhnlichen Klängen und wunderschöner Hall- Atmosphäre. Thema ist das Lernen, mit Neuem friedlich zu koexistieren. Eine prägnante Inspiration des Textes stammt aus Oscar Wildes "Lady Windermere's Fan": "I can resist everything except temptation".
Nach dem Instrumental- Stück "Limbo", das zum brummelnden Lee- Bass noch ein bißchen verzerrten textlosen Gesang von ihm im Hintergrund hat, schließt "Test For Echo" mit dem optimistischen "Carve away the Stone" ab, das voller Auftrieb steckt und mitteilt, daß man seine Ziele erreichen kann, wenn man den Willen dazu besitzt. Zu dem Spiel mit Symbolen von Last und Bürde gesellt sich noch die Erwähnung des "Sisyphus" aus der griechischen Mythologie, der in der Unterwelt gestraft war, einen gigantischen Felsen einen Berg hinaufzubewegen, der schwere Stein rollt jedoch immer wieder zurück.
"Test For Echo" ist ein enorm starkes Rush- Album voller musikalischer Höhepunkte und mit einem der menschlichsten Themen überhaupt. Kommunikation bestimmt auch das Artwork - besonders auffällig sind die Erwähnungen aus der Kultur der Eskimos: Eine "Inukshuk"- Figur auf dem Cover, die einen Menschen darstellt und gleichzeitig von Menschen erklommen wird - und gegenübergestellt drei Radioteleskope auf der Rückseite.
Dem Thema Verständigung unter Menschen werden so viele spannende Aspekte entlockt - Informationsflut, Ignoranz, Entscheidungen, Gegensätze... und vor allem viel Mut und Kraft.
"Chip away the stone, Make the burden lighter, If you must roll that rock alone" ("Carve Away The Stone").