Zunächst das Grundsätzliche vorab: Ich bin eigentlich ein Fan der Reiseführer von "Reise KnowHow". Wir sind in unseren Urlauben gerne viel unterwegs und bleiben nicht nur an einem Ort. Dazu bieten diese Reiseführer meist eine optimale Vorbereitung. Der vorliegende Band "Tessin und Lago Maggiore" hat mich aber in manchen Dingen etwas enttäuscht.
Die Aufteilung ist so, wie man es von den anderen Bänden dieser Reihe kennt: zunächst allgemeine Hinweise zu Reisevorbereitungen, Praktische Tipps und Infos zu Land und Leuten (Politik, Wirtschaft, Geografie ...) - insgesamt ca. 80 Seiten. Diese sind gut recherchiert und interessant geschrieben. Dann folgen die Kapitel zu den einzelnen Regionen (Nördliches Tessin, Schweizer Lago Maggiore, Italienischer Lago Maggiore, Sottoceneri und Mendrisiotto). Hier gefällt, dass auch der italienische Teil des Lago Maggiore mit behandelt wird, denn schließlich macht man als Urlauber nicht einfach an der Landesgrenze kehrt, wenn man eine Region bereist. Abgerundet wird das Ganze durch einige Exkurse zu politischen, historischen oder kulturellen Themen mit interessanten zusätzlichen Hintergrundinformationen. Schließlich gibt es noch 5 Übersichtskarten (meist über 1 1/2 [!] Seiten) und Stadtpläne der wichtigsten Orte.
Etwas unübersichtlich wird der Reiseführer durch die Platzierung dieser Pläne und Exkurse. Sie sind oft "mitten in den Text" gesetzt - Beispiel das Kapitel über den Gotthard: 2 Seiten Text (hört am Seitenende mitten im Satz auf), man blättert um - plötzlich 2 Seiten Landkarte, danach 4 Seiten Exkurs, und auf S. 92 geht endlich der Satz von S. 85 weiter! Und wie in einer anderen Rezension schon bemerkt, lassen sich die Orte nicht leicht in den Karten wiederfinden. Die in anderen Bänden der Reise-KnowHow-Reihe vorhandenen detaillierteren Karten am Ende des Buches finde ich da viel übersichtlicher.
Was mich aber am meisten stört, ist dass der Schwerpunkt des Reiseführers auf der Beschreibung von Kirchen (und anderen architektonischen Sehenswürdigkeiten) liegt. Mir kommt die Landschaft dabei zu kurz. Auch hier ein Beispiel: Zum Bleniotal (11 Seiten) werden insgesamt 26 (!) Kirchen zum Teil ausführlich beschrieben. Die allgemeinen Besonderheiten und Charakteristika dieses Tals bleiben aber unklar. Für Leute, die Kirchen nicht interessieren, wird nicht deutlich, warum sie das Tal sonst besuchen sollten. Nicht umsonst hat das Buch am Ende ein fast 4seitiges Glossar mit architektonischen und kunsthistorischen Fachbegriffen ...
Die Landschaft wird (v. a. in der ersten Hälfte) meist sehr sachlich beschrieben. Ich persönlich mag lieber Beschreibungen mit mehr Adjektiven. Mir fehlen an vielen Stellen Hinweise auf "großartige" Aussichten, "idyllische" Gegenden, "malerische" Orte etc., die Lust auf das Entdecken wecken. Die Strecke zwischen zwei Orten wird selten berücksichtigt - dabei heißt es doch gerade beim Reisen "Der Weg ist das Ziel".
Auch die Ansicht eines anderen Rezensenten, es handele sich hier eher um einen Wander- als einen Reiseführer, kann ich nicht teilen. Am Ende der Kapitel werden zwar oft auch Wanderungen in den entsprechenden Regionen erwähnt, aber hier wird nur kurz auf die Streckenführung und die Gesamtdauer eingegangen. Es fehlen sowohl Hinweise auf Höhenmeter (von Anfangs- und Zielort und auch von den Auf- bzw. Abstiegen) als auch Hinweise auf den allgemeinen Schwierigkeitsgrad. Wer tatsächlich wandern will, kann sich hier einen knappen Überblick verschaffen, kommt aber um das Hinzufziehen weiterer Literatur nicht herum.
Alles in allem: wer im Tessin vorangig an den vorhandenen Kunst- und Kulturschätzen interessiert ist, hat hier einen fundierten Reiseführer in der Hand. Wer daneben auch gleichwertig die Natur erleben möchte, wird mit dem vorliegenden Band alleine nicht glücklich.