Eine der bekanntesten Romanfiguren von Thomas Hardy ist die liebliche Tess, die von dem Autor selbst als eine "reine Frau" bezeichnet wird, deren Wesen und Weg er "getreulich dargestellt" haben will. Allein die Geschichte zur Entstehung des Romans ist ziemlich ob-skur. So soll der liebliche Anblick einer jungen Frau, die vor den Augen Hardys tot am Galgen baumelte, die Anregung seiner schriftstellerischen Fantasie gewesen sein. Trotz der ziemlich morbiden Veranlagung des Autors und seines deutlich spürbaren Zwiespaltes zwischen religiös orientierten Moralempfinden und dem Zweifel an der Selbstbestimmung des einzelnen, ist es ihm gelungen, ein fesselndes Gesamtwerk zu schaffen, welches sogar für einige seiner Zeitgenossen annehmbar und unterhaltsam war. Tess schicksalhafter Weg vom blühenden, unschuldigen Landmädchen zur verzweifelten Mörderin lässt kein Auge trocken, und führt den Leser durch eine unvergessliche Berg- und Talfahrt der Gefühle.
Das Unglück des Mädchens, das man bis dorthin nur unter dem Namen Tess Durbeyfield kannte, beginnt an einem wunderschönen Maientag. An diesem wonnigen Tag mischt sie sich unter ihre Gefährtinnen, die in weißen, fließenden Kleidern tanzend den Frühling feiern. Hier hat sie ihre erste schicksalhafte Begegnung mit Angel Clare, der mit seinen Geschwistern auf Wanderschaft ist und von dem Treiben der anmutigen Tänzerinnen angezogen wird. Da Tess mädchenhaft schüchtern ist, bemerkt der junge Mann sie zunächst nicht, als er die schwierige Auswahl unter all den lachenden Frauengesichtern trifft. Erst als der Tanz vorbei ist, schaut er in die enttäuschten Augen der ausdrucksstarken Tess und einen Moment lang stellt der Autor die Frage in den Raum, ob die ganze Geschichte einen anderen Lauf genommen hätte, wäre Tess nicht an diesem 1. Mai von Angel Clare übersehen worden wäre! Dieser Einblick währt jedoch nur kurz und wird von einem vordergründig weit gewichtigeren Ereignis überlagert. Tess Vater, John Durbeyfield hat von dem hiesigen Geistlichen erfahren, dass sein Name eigentlich D´Urberville lautet und er einem uralten Adelsgeschlecht entstammen, welches leider verarmt und mittlerweile in Vergessenheit geraten ist. John ist sich sicher, dass aus dieser Nachricht Kapital zu schlagen ist. Mit glänzenden Augen sieht er schon die glänzenden Zukunft seiner bisher so armen vielköpfigen Familie vor sich und trinkt glückselig ein um das andere Gläschen Wein auf sein Wohl, obwohl seine Gesundheit schon mehr als leicht angegriffen ist. Das Ende vom Lied ist, dass die arme Tess übermüdet einen Unfall mit dem Wagen hat, mit dem eigentlich der Mann zum Markt fahren sollte. Mit dem Verlust des einzigen Pferdes stehen den Durbeyfields magere Zeiten bevor. Als Ausweg soll Tess zu angeblichen reichen Verwandten, die Mutter Durbeyfield entdeckt hat, gehen und um Hilfe bitten. Die Durbeyfields ahnen nicht, dass es sich bei den reichen D`Urbervilles keineswegs um Blutsverwandte handelt. Der Sohn der Gutsbesitzerin, Alec D`Urberville, verschweigt der der hilfesuchenden Schönen wohlweislich diese Tatsache und stellt sie als Geflügelbauerin ein. Infolge ist Tess schweren Angriffen ihrer Tugend von Seiten ihres Cousins ausgesetzt, die schließlich damit enden, dass Tess vier Monate später unglücklich, entehrt und schwanger nach Hause zurückkehrt. Doch das Leiden der Tess Durbeyfield hat noch lange kein Ende. Nach dem Tod ihres Säuglings erholt sie sich zwar langsam und findet eine Stelle als Milchmagd auf einem idyllischen Bauernhof, aber der Frieden hält nicht lange an. Der dritte Sohn eines Geistlichen, Angel Clare, macht auf eben diesem Hof ein Prakti-kum und diesmal entgeht ihm der Liebreiz der dunkeläugigen Tess nicht. Der sonst etwas unentschlossene Mann ist schwer in Tess verliebt und drängt sie zur Heirat. Tess fürchtet, dass er ihre Vergangenheit nicht wird akzeptieren können. Da sie jedoch sehr in Angel verliebt ist und so gerne genau die Frau sein würde, die er sich erträumt, willigt sie schließlich ein. Die seltsamen Vorzeichen am Hochzeitstage sind noch längst nicht das Schlimmste, denn der tapferen jungen Frau mit dem adligen Namen steht noch einiges bevor...
Das Scheitern der Tess ist letztlich gesellschaftlich bedingt. Auf der einen Seite wurde von einer jungen Frau verlangt, keusch und unberührt in den Ehestand zu treten, aber auf der anderen Seite wurde es dem Mann zugestanden, seine sexuellen Erfahrungen zu sammeln. Dabei erhielten junge Mädchen oft nicht einmal die nötige Aufklärung, um sich gegen sexuelle Übergriffe zu wehren. So geht es auch der unschuldigen Tess. Als Alec sie im Wald überwältigt, kann Hardy die Dinge zwar nur schemenhaft andeuten, um den Sittenkodex seiner Zeit nicht zu verletzten, aber das nachfolgende Kapitel legt nahe, dass Tess vergewaltigt wurde. Ein gemeinsamer Wanderer schreibt zu ihrem Entsetzen drohende Bibelworte an Hauswände. Auf ihre zaghafte Frage, ob man von der Verdammnis verschont bliebe, wenn ein Fehlverhalten "gegen den eigenen Willen" geschehen sei, er-hält sie allerdings eine vernichtende Antwort. Schließlich beschließt Tess einen neuen Anfang zu wagen und ihre Vergangenheit zu verschweigen. Der Preis soll Ehelosigkeit sein. Als sie dann aber Angel begegnet, der vorgibt und wahrscheinlich auch glaubt, ein Freigeist zu sein, denkt sie ihr Schicksal mit Liebe und Vertrauen ändern zu können. Aber Angel enttäuscht sie und auch die Leser schwer, als er sich als Kind seiner Zeit erweist und Tess als gefallene Frau grausam zurückweist und sie damit tief ins Unglück stürzt. Daher ist die Frage, ob der aufrichtige Schurke Alec oder das Engelsgesicht Clare ein größeres Verbrechen an Tess begehen, gar nicht so einfach zu beantworten ist.
Das persönliche Leid hat Thomas Hardy wie so oft mit der schmerzlichen Veränderung der Landwirtschaft durch die industrielle Revolution verbunden. Allerdings ist seine Beschreibung der hingebungsvollen Melkerinnen, die sich so liebevoll an ihre Kühe schmiegen, schon fast übertrieben komisch. Bedeutsamerweise fällt Tess Aufenthalt bei den Rindern in die warme Jahreszeit, wohin gegen ihre harte Zeit auf der Steckrübenfarm im bitteren Winter beschrieben wird.
Thomas Hardy hat in seinem Werk viele Fragen zur Moral seiner Tage aufgeworfen. Wirken frühe Erziehung und Umfeld auf einen Menschen stärker ein, wie Bildung und eigene Erfahrungen? Ist der Mensch ein Spielball der Vorherbestimmung, oder sind seine eigenen Entscheidungen fehlgeleitet? Auf manche Fragen fällt dem schwierigen Autor die Antwort schwer und seine Ausführungen wirken verschwommen oder unklar. Vielleicht hatte er doch mehr mit seinem unentschlossenen Helden Angel Clare gemeinsam, auch wenn der Autor selbst eindeutig Stellung auf der Seite der würdigen Heldin dieses Dramas bezieht.