Ich bin noch ganz benommen vom Lesen und wirklich sehr beeindruckt. "Tess Of The D'Urbervilles", die bittere Story "of a pure woman", hat der englische Dichter Thomas Hardy 1891 veröffentlicht und wurde damals teils erbittert angegriffen und auch von vielen als schockierend abgelehnt. Das Buch hat sich auf für damalige Verhältnisse drastische Art mit der viktorianischen Moral und deren Fallstricken auseinandergesetzt. Heute gilt "Tess" als Hardys berühmtester Roman und als einer der wichtigsten der viktorianischen Epoche.
Es ist für mich das reinste Vergnügen gewesen dieses Buch zu lesen, wobei Vergnügen vielleicht ein etwas irritierender Ausdruck ist, denn die Geschichte ist von einer tiefen Tragik und Traurigkeit, wie man sie wirklich selten findet. Vergnügen bereitete mir das Buch trotzdem, denn die Geschichte von dem armen Landmädchen Tess, ihrem Elend und ihren kleinen Freuden, nimmt einen sehr gefangen, berührt und verzaubert. Aber vor allem ist es die wunderbare Sprache Hardys, die das Lesen zu einem wahren Genuss macht.
Die liebevollen und treffenden Charakterzeichnungen ließen mich immer wieder schmunzeln und die wunderschönen Landschaftsbeschreibungen bringen ebenfalls Linderung.
Alles spielt sich im ländlichen Bauernmilieu des ausgehenden 19 JH, im Südwesten von England ab. Dörfer, Gehöfte, Meiereien, die kleinen Straßen über Hügel und durch Täler, sind die Handlungsorte der Geschichte.
Als die arme Händlerfamilie John Durbeyfields erfährt, dass sie von einem alten normannischen Rittergeschlecht den "D'Urbervilles" abstammen, wollen sie u.a. mit Hilfe der schönen 16-jährigen Tochter Tess daraus Kapital schlagen und schicken diese zur reichen Mrs. Stoke D'Urberville, die sie für einen erfolgreichen Abkömmling des alten Adelsgeschlechts halten und auf deren Unterstützung sie hoffen. Dort wartet der lüsterne junge Alec, der das Mädchen bedrängt und schließlich skrupellos vergewaltigt. Gedemütigt kehrt sie nach Hause zurück. Jahre später begegnet Tess dem jungen Angel Clare, einem Pfarrerssohn, und nach schweren Gewissenskonflikten wendet Tess sich ihm zu.
Wie sich im weiteren Verlauf sogar ein angeblich vorurteilsloser Mensch, der dem Klassendenken und der strengen Religion eigentlich gar nicht abgewinnen kann, als Sklave der Moral und der Konvention erweist, war für mich teilweise fast unverständlich und nur schwer zu ertragen. Hier wird aber die Sinnlosigkeit und das Hohle dieser Konventionen entlarvt und man erkennt, wie tief sogar schon längst überholte Moralbegriffe in der Seele haften und wie schädlich sie sind. So gerät Tess unausweichlich ins Räderwerk eines unerbittlich waltenden Schicksals.
Wenn schließlich sogar der pharisäerhafte und prüde Pfarrer gegenüber seinem modernen Sohn charakterlich gewinnt, ist das echt hartes Brot.
Aber: Es sind nicht wirklich die strengen Regeln dieser Zeit, die das Unheil bringen. So löst sich Hardy auch von der viktorianischen Epoche, denn wenn man genau hinsieht sind es allein die charakterlichen Eigenschaften zweier Männer, beide selbstgerechte Egoisten (der eine offensichtlich, der andere verdeckt), die alles zu Fall bringen. Und der Zufall. So hätte sich eine ähnliche Geschichte wie diese, zu allen Zeiten abspielen können, auch heute.
Eine sehr starke Wirkung hatten auf mich die Landschafts- und Naturbeschreibungen. Sie waren manchmal so schön, dass ich diese Passagen öfter lesen musste. Sie haben auch symbolische Ausdruckskraft, genauso wie die Jahreszeiten und die Farben des Romans.
Das grüne saftige Tal in der Meierei im Sommer umrahmt die aufkeimende Liebe zwischen Tess und Angel. Der beginnende Herbst begleitet die schon von tiefen Schatten und Sorgen geprägte Verlobungszeit. Dann der Winter auf dem brauen Hungeracker in Flintcomb-Ash, wo in Schürze und Flügelhaube gekleidete hart arbeitende Landarbeiterinnen wie Fliegen über die braune gefrorene Ackerfläche kriechen, darunter Tess, von ihrem Ehemann verlassen. Dies alles sind Spiegelbilder der seelischen Verfassung der Heldin. Schrecklich-schön.
Mich erinnerte Tess an diesen Stellen an Gottfried Kellers
Romeo und Julia auf dem Dorfe, wo auch die Natur und deren Ausdruck, den tragischen Werdegang des Paares begleitetet. (Lesetipp!)
Jedenfalls wird auch ein interessierter Landwirt oder Agrarökonom ;-) seine Freude mit der Geschichte haben, denn Hardy beschreibt durchaus detailliert das bäuerliche Leben und die Arbeit auf dem Feld, im Kuhstall und der Scheune. Das Bild, wie sich die Melkerinnen mit der Wange an die Kühe schmiegen, den Blick traumverloren in unbestimmte Ferne gerichtet, behalte ich klar vor meinem inneren Auge. (Jetzt aber nicht abschrecken lassen von Melkschemelromantik, Landarbeiterinnenmode und antiquierter Dreschmaschine! ;-))
Hardy schreibt wohl mir Vorliebe Romane, die im ländlichen Raum, fern der Zivilisation spielen, beschreibt bäuerliche Schönheit und wirft literarisch einen wehmütigen Blick zurück, denn zu seinen Lebzeiten hat die industrielle Revolution das ländliche Idyll schon längst eingeholt und seine Schatten darauf geworfen. Verklärung kann man seinen Büchern jedoch dennoch nicht vorwerfen, im Gegenteil.
Falls ich eine Kritik an den Buch nennen sollte, würde ich die etlichen schicksalhaften Zufälle nennen, die natürlich immer gerade zur rechten Zeit, Tess Geschick noch hoffnungsloser machen. Das wirkte gelegentlich etwas konstruiert auf mich. Auch das Frauenbild machte mich manchmal stutzig, aber da bin ich nicht die einzige, dafür ist Hardy ja schon fast berühmt. Womöglich ist ER das große Vorbild von Lars von Trier. ;-) Der hat auch mit marienhaften Leidensgeschichten, mit von Schuld und Schande geprägten einfachen Mädchenfrauen seine sämtlichen Filme gemacht. ;-)
Persönlicher Schlusspunkt: Desillusionierende und tragische Begebenheiten vor dem Hintergrund stimmungsvoller Naturschilderungen. Wie Hardy die tiefe Hoffnungslosigkeit der Geschichte ausbreitet, macht es einem schwer den eigenen Alltag davon nicht überschatten zu lassen, aber es ist erstaunlich wie viel Schönheit sich hierin verbirgt.
Ich bin mitnichten eine Hardy-Kennerin, dies ist mein erstes Buch von ihm, ich kenne lediglich einige Verfilmungen. Dass man an ihm aber nicht vorbei kommt, wenn man sich für Film und Literatur des 19 JH interessiert, habe ich natürlich irgendwann gemerkt und nun wurde es für mich höchste Zeit mit einem seiner Romane zu starten.
Ich finde selten ein solches in jeder Hinsicht lesenswertes Buch und dies ist nach "Abbitte" endlich mal wieder ein richtiges Highlight für mich. Dies war nicht mein letzter Roman von Hardy und es erleichtert mich, dass er, neben 1000 Gedichten und etlichen Kurzgeschichten, ganze 14 Romane auf seinem Konto verbucht, auf die ich mich nun schon freue. :-)
Verfilmungen:
Roman Polanskis
Tess 1979 Mit Nastasia Kinski
ITV
Tess Of The D'Urbervilles [UK Import] 1998 mit Justine Waddell
BBC
Thomas Hardy`s Tess Of The D'Urbervilles 2008 mit Gemma Arterton