Gleich zu Beginn konfrontiert der spanische Thriller "Tesis" seine Zuschauer mit seinem unappetitlichen, unangenehmen, und sicherlich vielen von uns peinlichen Thema: Unserem Sensations-Voyeurismus. Natürlich wollen wir nicht sehen, was von einem Mann übrig geblieben ist, der vor eine U-Bahn gesprungen ist, noch dazu, wenn der Kontrolleur uns erzählt, dass der Kopf dieses Mannes gespalten worden ist. Oder wollen wir doch? Nur einen schnellen Blick und dann wegsehen? Angela WILL, auch wenn sie im Zwiespalt ist. Und so fährt die Kamera auf das Gleis zu. Gleich wird man dieses schlimme Bild sehen. Nur noch wenige Sekunden ... Doch dann wird Angela (und somit der Zuschauer) im letzten Moment weg geschoben. Sowohl Angela als auch der Zuschauer wird sich an dieser Stelle die Frage stellen, was denn nun überwiegt: die Erleichterung oder doch die Enttäuschung?
Spätestens nach dieser Eröffnungsszene hat der chilenisch-spanische Regisseur Alejandro Amenábar ("Open your eyes", "The Others") den Zuschauer im Griff. Fast hätte man hingesehen, fast wäre man ihr erlegen, der heimlichen Lust am Morbiden, die in vielen von uns schlummert. Sie fühlen sich nicht angesprochen? Gut. Aber denken Sie nur einmal an die häufigen Staus auf der gegenüberliegenden Seite eines schweren Verkehrsunfalls, die durch so genannte Gaffer verursacht werden ...
Schon allein das Cover der DVD, das irgendwie einem blutbesprenkelten Warnschild gleicht, spricht Bände: "Tesis" wird als "Der Snuff-Film" angekündigt. Seit "8 MM" wissen wir, bei "Snuff" handelt es sich um Filme, die (angeblich) echte Folterszenen zeigen, und den Zuschauer mit ungeschnittenen Verstümmelungs- und Vergewaltigungsszenen, wenn nicht sogar mit der Ermordung des Opfers "unterhalten". Wer also diese DVD in den Player legt, weiß, worauf er oder sie sich einlässt. Oder doch nicht?
Im Gegensatz zu so fragwürdigen Produktionen wie z.B. "Hostel" nähert sich Amenábar dem Thema auf kontroverse Weise. Wie die Protagonistin Angela, die bei den Recherchen für ihre Diplomarbeit zum Thema "Gewalt in den Medien" auf diese Filme stößt, ist auch der Zuschauer schockiert und angewidert von dem, was er erfährt. Und dass, obwohl der Film nur sehr wenig von dem zeigt, was man in unserer zivilisierten Gesellschaft als "Gore" oder "Splatter" tituliert. Bei "Tesis" ist das aber auch nicht nötig - mir hat vollkommen gereicht, was ich GEHÖRT habe, denn der Regisseur macht seine Zuschauer mehr als einmal zu OHRENZEUGEN eines bestialischen Mordes, und kurbelt dadurch ein Kopfkino an, dass mir nach dem Film ein paar schlaflose Nächte bereitet hat.
Doch Gewalt übt auch eine unheimliche Faszination aus, und sei es "nur" aus Gründen der Konfrontation mit der eigenen Vergänglichkeit: Zwar wissen wir nicht, WIE wir eines Tages sterben werden, aber DASS wir sterben werden ist sicher. Und irgendwie wollen wir alle irgendwann wissen, wie es ist - sowohl das Sterben als auch der Schmerz. "Man muss dem Publikum zeigen, was es sehen will", sagt eine der Hauptfiguren. Damit meint sie jedoch nicht nur eine kleine Randgruppe mit einem ungesunden Geschmack, wie der Zuschauer spätestens am schockierenden Schluss des Films erkennen muss.
Auch wenn "Tesis" wie ein Thriller aufgebaut ist, auch wenn der Film eine durchaus spannende Geschichte erzählt, ist er weitaus mehr als nur Kino. "Tesis" ist aus meiner Sicht ein Zeitdokument, das einen durchaus kritischen Blick auf unsere Gesellschaft wirft. Was "8 MM" nur oberflächlich streift, wird in Amenábars Film schonungslos deutlich: Unsere Gesellschaft giert nach solchen Bildern des Schreckens, und stumpft dabei gleichzeitig immer mehr ab. Die Grenze für das, was wir als schrecklich empfinden, hat sich verlagert. Während es 1922 Zuschauer gab, die vor der Gestalt von Max Schreck in Murnaus "Nosferatu" noch in Ohnmacht gefallen oder schreiend aus dem Kinosaal gerannt sind, braucht man heute Filme wie den bereits genannten "Hostel" oder "Saw" (um nur zwei Beispiele zu nennen), die uns bis ins letzte Detail mit Folter und Verstümmelung konfrontieren - und Kassenschlager werden!
Ein weiteres Beispiel ist das Video von der Enthauptung der amerikanischen Geisel im Irak, das im Internet kursierte - oder auch, schlicht und ergreifend, die tägliche Berichterstattung in den Medien, sei es nun über Kriege oder die Bluttaten so genannter Psychopathen, mit der wir uns mal eben neben dem Abendessen berieseln lassen.
Dies alles zeigt "Tesis" auf, und bietet jede Menge Stoff für eine anschließende Diskussion - so man denn nach diesem Film noch sprechen will. Ich brauchte erst mal eine Weile, um mich davon zu erholen. Und wie Sie meiner Rezension entnehmen können, beschäftigt mich dieses Thema immer noch ...