Der Mainzer Filmwissenschaftler Marcus Stiglegger ist einer der umtriebigsten Spurensucher in den dunklen Randgebieten des Kinos. In diesem Büchlein widmet er sich dem derzeit wohl umstrittensten Genre überhaupt, dem sog. torture porn (schon die Bezeichnung selbst ist ein Kampfbegriff): Filme wie die "Saw"- und die "Hostel"-Serie also, in denen mit nie gekannter Drastik gezeigt wird, wie Menschen gefoltert und gequält werden. Bisheriger Gipfelpunkt dieser Entwicklung ist für Stiglegger der französische Film "Martyrs", dem der Schlussteil des Buches gewidmet ist.
Stiglegger tritt als kritischer Anwalt dieser Filme auf. Dass es sich um ernstzunehmende Kunstwerke handelt, lässt er ebenso wenig außer Frage, wie er sie gegen Diffamierung und Zensur verteidigt. Den Nachahmungs-Diskurs streift er allerdings nur am Rande. Vorwiegend interessiert ihn, worin der Reiz dieser Filme liegt, warum so grausamer Stoff überhaupt ein Publikum findet. Wie der Untertitel bereits andeutet, liegt für Stiglegger dieser Reiz in der Möglichkeit einer körperlichen und psychischen Grenzerfahrung. Seiner Ansicht nach kann sich ein Zuschauer beim Betrachten solcher Szenen in die Position sowohl des Täters, der sich zum Souverän erhebt, wie des sich in Angst und Schmerz windenden Opfers versetzen. Die Annahme beider Rollen als ein "genießbares" Spiel setzt beim Zuschauer Reflexion und Distanz voraus.
Trotz des überschaubaren Umfangs ist der Essay ausgesprochen faktenreich. Zur Einordnung des besprochenen Genres schlägt Stiglegger einen weiten historischen Bogen - eine Tour de Force von den Anfängen des Horrorfilms durch die trashigsten Regionen des Exploitation-Kinos bis hin zum Avantgardefilm. Allein das macht die Lektüre schon lehrreich und inspirierend.
Argumentativ konnte mich das Buch nicht überall überzeugen. Der Aufhänger des Essays, die sehr ausführliche Beschreibung eines realen Mordfalls in den 60er Jahren, lässt eine deutlich gesellschaftskritischere Richtung der Argumentation erwarten. Doch Stigleggers Anmerkungen zur unter der bürgerlichen Fassade schlummernden Bestialität bleiben recht flüchtig, ebenso die Frage, inwiefern die besprochenen Filme als Spiegelbild gesellschaftlicher Verwerfungen zu lesen sind. Da bleibt mir vieles zu schlagwortartig. Nächster Punkt: Dafür, dass Stiglegger sich mit vielen seiner Thesen - allem voran mit der Unterstellung eines sadomasochistischen Verhältnisses zwischen Film und Zuschauer - im Grunde auf das Feld der Rezeptions- und Wirkungsforschung begibt, hat er m.E. kein genügend scharfes theoretisches Konzept vom Zuschauer. Und schließlich bekommen seine Ausführungen zum Heiligen und zur Transzendenz in "Martyrs" für mich eine zu esoterische Schlagseite. Allerdings: Ich gehöre zu den Lesern, die eine Lektüre als virtuelles Streitgespräch mit dem Autor ohnehin reizvoller finden denn als Common-Sense-Veranstaltung, von daher passt das alles schon.
Und bei allen Einwänden: Das größte Verdienst dieses Textes ist, dass es ihn überhaupt gibt. Dass ein unterschlagenes (häufig auch: beschlagnahmtes) Genre des Gegenwartskinos endlich die Diskussionsplattform bekommt, die ihm gebührt. Dafür trotz mancher Kritikpunkte gerne die Höchstnote.