Dieses Buch ist ein Standardwerk, keine Frage. Der Autor - der sich unzweifelhaft sehr gut auskennt und tiefe Einblicke genießt - bietet einen umfassenden Überblick über das Phänomen "Terrorismus". Aber das ist es eben dann im Grunde auch schon: Ein sehr guter Überblick.
Gewisse, in meinen Augen wichtige Themen, wie die Struktur von z.B. Al-Quadia und die Art und Weise, wie diese Organisationen sich finanzieren, hätten meiner Ansicht nach sehr viel tiefgehender dargestellt werden können. Auch die Handlungsempfehlungen für Regierungen kommen unterm Strich zu kurz. Im Grunde liest man dort nichts, was man nicht ohnehin schon intuitiv gewusst hat (abgesehen natürlich von der Fülle an Beispielen aus der Geschichte des Terrorismus). Das erste mal, dass ich meine Augenbrauen als Ausdruck erwartungsvollen Interesses gehoben habe, war erst auf S. 263, als Handlungsempgehlungen für die Bekämpfung des Phänomens "Selbstmordterrorismus" gegeben wurden. Dieses Buch formt und schärft das Bild eines allgemein Gebildeten, aber es verändert es nicht. Freilich muss das jeder für sich nach dem lesen beurteilen - ich denke aber, man kann das schon so zusammenfassen; was nicht bedeutet, dass das Buch in diesem Fall nicht trotzdem eine Bereicherung darstellt. Für Leute, die sich unter dem Phänomen "Terrorismus" dagegen nur einen Haufen verzweifelter Selbstmordattentäter vorstellen, ist das Buch zweifellos ein Muss.
Sehr gestört hat mich jedoch die etwas einseitige, parteiische Art des Autors. Er steht ganz klar auf einer "Seite" - und zwar die der (amerikanischen) Terrorismusbekämpfung. Es findet sich keinerlei Kritik an US-amerikanischer Politik. Aus der Logik des Buches heraus müsste die Außenpolitik der USA vor Obama geradezu verherrend gewesen sein, da in jeglicher Hinsicht kontraproduktiv. Der ausgerufene "Krieg gegen den Terror" und die großangekündigte "Jagd auf Bin Laden" waren unter Berücksichtigung der Thesen dieses Buches ein Fehler. Komisch, dass der Autor hierzu dann nicht entsprechend kritische Worte übrig hat. Irgendwann erwähnt er es in einem Nebensatz so ein wenig, aber bei einem Autor mit dieser Reputation hätte ich mir klarere Kritik auch der eigenen "Seite" gewünscht. Die Wortwahl des Autors drückt umgekehrt aber häufig eine latent vorhandene Verachtung für Terroristen aus. Ich möchte nicht falsch verstanden werden, auch ich verachte Terrorismus. In einem wissenschaftlichen Buch wünsche ich mir aber eine neutralere Wortwahl - der Glaubwürdigkeit wegen. Und in der Konsequenz dann eben auch eine umfassendere Kritik.
Wegen dem letzten Punkt und der für mich enttäuschenden mangelnden Vertiefung mancher Themenbereiche habe ich mich zunächst für 3 Sterne entschieden (wenn man auch noch bedenkt, dass andere Bücher, die ich besser fand, 4 Sterne bekommen). Da letzter Punkt aber aus subjektiven falschen Erwartungen resultiert, für die der Autor nichts kann (schließlich ist dies eben "nur" ein überblicksartiges Standardwerk) und ich mich außerdem bis zu einem gewissen Grad an die allgemeine Bewertungsmentalität bei Amazon (bei der alles 5 Sterne bekommt, was im Grunde nichts schwerwiegendes zu bemängeln hat) anpassen möchte, um nicht für Verwirrung zu sorgen, bekommt dieses Buch "noch" 4 Sterne. Der Maßstab muss möglichst objektiv und nicht zu subjektiv sein. Subjektiv sind es 3 Sterne, aber wenn ich halt versuche stärker den objektiven Wert des Buches miteinzubeziehen (und damit den Wert, den es für andere Leser durchaus haben kann), komme ich auf 4 Sterne.
Denn unterm Strich, trotz der Kritik, kann man nunmal mit diesem Buch nichts falsch machen.