TERRORDROM
Die Stadt Berlin versinkt im Frost, der nie aufzuhören scheint. Die Menschen in dieser in sich geschlossenen, traumatischen Stadtwelt, die sich langsam selber zerfrißt, scheinen noch nie von Moral oder Lebenssinn gehört zu haben. Lars, der Lottogewinner, fliegt mit seinem Geld nicht auf eine warme Insel, sondern stiftet lieber einen Zusammenbruch der Gesellschafts- und Stadtstrukturen an, den totalen Terror ausrufend, mit erschreckend einfachen Methoden den Lebensablauf der Stadt und die Medien manipulierend. Tom, ein angesehener Fernsehmoderator, legt sich auf die Terrorwelle und nutzt sie für sich und die Medien aus. Er, die Vorzeigefigur des Fernsehens und seiner Talkshow, verleugnet alles, schläft mit seiner machtgierigen, alles berechnenden Sekretärin, die ihn ihrerseits ausnutzt, und schlägt seine Frau, interessiert sich gar nicht für seinen Sohn. Seine Frau, Anna, ist frustriert und schwach, versucht, ihren Frust in Alkohol und einer Affäre zu versenken. Sein Sohn, Felix, kifft, säuft, geht kaum zur Schule, interessiert sich für gar nichts, läßt sich auf die Gewaltspiele ein, gehört zur sich immer weiter verselbständigenden Terrorwelle und wird so zu einer Bedrohung in Toms Haus. Nico, Toms Bruder, knallt völlig durch, leidet unter Paranoia und Persönlichkeitsspaltung, provoziert internationale Konflikte und jagt Gebäude in die Luft. Hakan, begehrt von Lars, versucht sich in dieser verrückten Welt zurechtzufinden, muß sich aber im Endeffekt auch anpassen und korrumpieren. Es entsteht Terrordrom, als Lösung für die immer globalere Maßstäbe nehmende Gewaltwelle, Berlin Mitte als Schauplatz eines freiwilligen Krieges, grausamer Freizeitpark für den konsumierbaren Haß. Tim Staffel, der Brandstifter im Lager der deutschen Jungliteratur, der "Bösegucker", der mit "Terrordrom" einen unerwarteten, brutalen und blitzschnellen Anschlag auf die Leserschaft verübt, hat damit ein Gesamtkunstwerk erschaffen, das ebenso spannend, zeitgemäß und mutig ist wie böse und im Nachhinein schockierend. Eine Mischung aus einer No-Future-Gewaltorgie und dem Begleitbuch zum Sprung aus dem Fenster. Die zerhackten Bilder wechseln sich mit einer Geschwindigkeit ab, die es noch nicht zuläßt, ganz in dem Sumpf des Terrordroms zu versinken; die das Nachdenken aber umso schmerzhafter macht. Denn so skrupellos und grausam das Buch sein mag, so fern ist es von der Realität nicht entfernt. Das Lesen von "Terrordrom" kommt wie das Anschauen eines Films vor: schnelle Montage, Abwechslung von Episoden, aus verschiedenen Perspektiven erzählt, Bilderflut und die Sprache, die die Charaktere benutzen, erinnern an einen grellbunten Film noir. Mit dem Unterschied, daß es kaum einen Film gegeben hat (vielleicht außer "Clockwork Orange") der das Leben und die Kultur so schonungslos und zynisch behandelt hätte. Staffel schafft es, den Puls der Zeit genau zu treffen, ohne dabei in eine Art Jugend- Nachahmung zu verfallen. Er schafft es auch, die Medien und die Konsumgesellschaft boshaft und zerstörerisch zu kritisieren, ohne daß er mit erhobenem Finger daherkommt. Er übertreibt, beleidigt, lacht aus und vergewaltigt die Gesellschaft durch seine Charaktere und läßt nur Trümmer übrig, genauso wie seine Charaktere Halb-Berlin demontieren und in die Luft jagen. Aber auch seine Charakteren sind allesamt Antihelden; Lars ist kein Revolutionär in dem Sinne, denn er hat keine Absicht etwas zu verbessern oder konstruktiv zu verändern, hat kein definiertes Ziel, er läßt einfach seinen Haß und seine Wut raus, manipuliert die niedrigsten Triebe der Menschen, um den Zustand eines totalen Terrors zu erreichen. Er will auch bestimmte Leute-wie Tom-angreifen, aber es geht ihm im Endeffekt nur um eigene Wichtigkeit und die Zuneigung von Hakan; ihm ist auch egal, wie viele Leute dabei auf der Strecke bleiben. Er bringt die ganze Sache ins Rollen und muß am Ende gestehen, daß die Sache ein Selbstläufer geworden ist und ihn nicht mehr braucht, und so erkennt auch der Leser, wie erschreckend leicht manipulierbar die Gesellschaft doch ist. Auch nicht Hakan, Tom, oder sonst einer der Charaktere ist ein positiver Held im verbreiteten Sinne. Die Sache ist aber, daß es keine Helden gibt. Es gibt nur Menschen, und Menschen sind nun mal keine Helden. Der König ist nackt und Staffel schafft es, diese einfache Tatsache spektakulär in die Szene zu setzen. Für die Menschen ist es ja jedes mal eine Offenbarung, zu erfahren, daß der berüchtigte König nichts anhat. "WENN WIR DEN KRIEG ERKLÄREN, WOLLEN WIR DAFÜR BEZAHLEN... NIEMAND FÄLLT DARAUF REIN, WEIL ALLE DRIN SIND". Der Terrordrom ist gewiß kein Happy End für die Geschichte. Der konsumierbare Haß; mit scharfer Munition. Berufssoldaten. Jeder gegen jeden. Das Buch schockiert nicht während des Lesens, es ist eine Zeitbombe. Erst als man die Skrupellosigkeit, die Sinnlosigkeit und den Haß erkennt, die geschildert werden, die Leichtigkeit und die Selbstverständlichkeit der Gewalt, die so normal sind wie das Atmen in dem vereisten Berlin des "Terrordroms", und die oft auch in der realen Gesellschaft in der Form vorhanden, aber nicht erkannt werden; erst wenn man die Ausmaße der praktisch grenzenloser Korruption und Menschenverachtens von den Medien, Behörden und die Menschen selbst realisiert; dann wird man erst von dem Vergeltungsschlag Staffels wirklich getroffen. Man muß aber auch die Faszination der Gewalt, Einfachheit eines solchen Lebens und die Düsternis miterleben, den Haß, die Verachtung vor der Konsumgesellschaft, wie sie zumindest im Westen praktiziert wird, und selbst ein bißchen verrückt werden, wenn man das Buch und die Absicht dahinter wirklich verstehen will. Selbst in dem Sumpf versinken. Selbst ein Terrorist für sich werden. Denn "AUCH WENN MAN GEWISSE DINGE ABLEHNT, SIE LIEGEN TROTZDEM IN EINEM BEGRÜNDET. JEDER MENSCH IST KORRUMPIERBAR... ALLEN MENSCHEN IST DER GENETISCHE CODE DER SELBSTZERSTÖRUNG EINGE- SCHRIEBEN". Man muß anscheinend den nicht begründen, um ihn zu erleben. Die Grundideen oder auch viele Gedanken Staffels mögen im Endeffekt nicht originell vorkommen, aber entscheidend ist das Gesamtkunstwerk. Das Böse im Berlin der Jahrtausendwende gebündelt, mit dem Drang zur totalen Freiheit und Selbstbestimmung vermischt und in das Terrordrom ein- gesperrt. Verkauft. Man muß dieses Buch nicht lesen. Man kann sich viele Widrigkeiten und reichlich Ekel oder Schock ersparen. Aber man kommt um das Thema, um die Ideen nicht herum, und wenn man nächstes Mal damit konfrontiert wird, mag es schon zu spät sein. DENN ENTSCHEIDEND IST NICHT DER FALL, ENTSCHEIDEND IST DIE LANDUNG.
Roman Charkoi, 20.01.00 Zu "Terrordrom" von Tim Staffel, erschienen 1999 bei Ullstein Verlag