Ein Schulfreund hatte mir dieses Buch empfohlen - mit der Bemerkung: Wenn er das, was in diesem in jeder Hinsicht schwergewichtigem Werk dokumentiert wird, zu DDR-Zeiten gewußt hätte, wäre auch er seinerzeit auf und davon. Und ich habe jetzt verstanden, daß der Anfang vom Ende des "Sowjetkommunismus" mit seinen späteren osteuropäischen Spielarten bereits im Jahr 1937 in Moskau begann und seinerzeit eine unumkehrbare Gestalt annahm. Daß diese Welt noch bis Ende der 80er Jahre überlebte, haben wir ausgerechnet der Nazi-Ära zu verdanken. Diese Barberei hat die vorangegangene Massenvernichtung so "unbedeutend" gemacht, daß die Menschen in der Sowjetunion nun im Kampf gegen den Faschismus zusammenrücken mußten. Besonders perfide ist in diesem Zusammenhang, daß Hitlers Liste für die Liquidierung der in Moskau lebenden Kommunisten aus aller Welt, bereits von Stalin weitgehend abgehakt worden war.
Doch bei dem Buch geht es vor allem um das Jahr 1937. Mit dem Anspruch, alles für das Wohl des Volkes zu tun, werden in jener Zeit alle, die da noch eine Frage nach dem Wie hatten, als Vaterlandsverräter verhaftet und dann entweder in den Todeslagern gequält oder sofort erschossen. Ganz egal ob sie nun wirkliche Querulantern waren oder nicht. Ein nicht sehr russischer Name konnte für das Schicksal ebenso entscheidend sein, wie der Neid eines Nachbarn. In der DDR hat man die Wahlen einfach gefälscht, in der Sowjetunion hat man es sich damals nicht so leicht gemacht. Man tötete im Vorfeld die vermeintlichen Nein-Sager. Die Stalinsche Politik war so weise und stark, daß es eigentlich keinerlei Pannen in der Versorgung, Unfälle zu Wasser, zu Luft oder auf der Schiene hätte geben dürfen. Wenn nun doch täglich die Zeitungen davon berichteten, dann war das ausschließlich das Werk von Volksfeinden. Die Moskauer Zentrale reagierte nicht nur mit detaillierten Anleitungen zur Feinderkennung, sondern setzte auch die Quoten für Lagerhaft und Massenmord fest. Die Handlanger vor Ort erfüllten diese "Pläne" mit bürokratischer Genauigkeit und baten die Zentrale darum, noch ein paar Zig-Tausend mehr potientelle Volksfeinde liquidieren zu dürfen, um so als besonders treu ergebene Genossen zu glänzen. Mitunter war das auch eine profane Methode um wieder Platz in überfüllten Gefängnissen zu machen, oder ein Mittel im Kampf die katastrophalen Wohnungsprobleme zu lösen. Als man schließlich so viele Menschen umgebracht hatte, daß ganze Ministerien und Produktionszweige allein aus Personalmangel nicht mehr funktionierten, da kamen dann die Mörder selbst an die Reihe. Nicht, daß man ihren brutalen Terror beklagte - nein, die Treffergenauigkeit machte Stalin sorgen.
Wir wußten ja, daß es unter Stalin schlimme, schlimme Zeiten gab, aber daß sie so furchtbar, so grausam, so böse waren, wurde erst in den letzten Jahren ansatzweise bekannt, als in Moskau die Geheimarchive geöffnet wurden. Diese Dokumente bilden wohl auch die Grundlage für dieses erschütternde Buch von Karl Schlögel. Obwohl gegliedert, wie sich das für einen Wissenschaftler gehört, machte sein Buch auf mich mitunter einen etwas unaufgeräumten Eindruck. Doch es ist sein außerordentliches Verdienst, die russischen Dokumente für uns Deutsche überhaupt lesbar gemacht zu haben. Danke Karl Schlögel.