Ein preisgekrönter Autor mit klingenden Namen und ein Thema das lange genug zurückliegt um mit reichen Quellen gesegnet zu sein. "Terror und Traum. Moskau 1937", ein Buch das zumindest über weite Strecken nicht vermuten ließe dass sein Autor Historiker und nicht professioneller Literat ist. Schlögel beantwortet die Rätselhaftigkeit des Desasters mit einer diffus anmutenden, nur an Raum und Zeit (Moskau 1937) festgemacht scheinenden Aneinanderreihung von teils gar trivialen Fakten. Dem kann auch der Stil des Autors nicht mehr wirklich helfen und die reichlichen Zitate erzeugen eher das Zerrbild eines Fiebertraums, der eben die sprichwörtliche Klarheit des Anliegens vermissen lässt.
Schlögels Auseinandersetzung mit Terror und Traum ist wohl noch am treffendsten als "kulturwissenschaftlich" zu bezeichnen, was ja auch eine unterschiedliche Kontonation zulässt. Er beginnt sein erstes Kapitel bereits wortreich damit dass er sich mit Michail Bulgakows Roman Margaritas Flug beschäftigt, ehe er auf Alexander Medwekins Film "Das Neue Moskau" zu sprechen kommt. Wer dem Autor als eher nüchterne zeitgeschichtliche Lektüre gewohnter Leser bis dahin nicht verloren gegangen ist wird dann erstmals belohnt. Schlögel zeichnet ein Bild der Großbaustelle Moskau, der Stalin ein sozialistisches Antlitz zu verleihen bemüht war. Prestige und Propaganda als Ziel, brachte der Umbau der Stadt zumindest einen bis dahin ungekannten massiven Urbanisierungsschub und tausende bäuerliche Migranten. Im Zusammenhang mit dem rasanten Wandel Moskaus ist Schlögel auf eine findige Idee gekommen, er zieht das Moskauer Adressbuch "Wsja Moskwa" ("Ganz Moskau") als zeitgeschichtliches Dokument und Spiegelbild der Veränderungen dieser Zeit heran.
Man nimmt an ein Buch über Moskau am Höhepunkt des Großen Terrors wäre auch stark von diesem Hintergrund geprägt, dem ist allerdings nicht so. Die Stalinschen Säuberungen und der Massenmord führen in Schlögels "Terror und Traum" tendenziell ein überraschendes Schattendasein, zumindest bis zu fortgeschrittener Seitenzahl. Stattdessen spielen Ereignisse wie die gescheiterte Volkszählung 1937 eine prominente Rolle, nach der die Volkszähler als angeblich trotzkistische oder bucharinische Spione und Volksfeinde weggeschlossen wurden. Oder das Puschkin Jubiläum vom 10.2.1937 das auch bei der New York Times damals Eindruck zu schinden vermochte. Die Instrumentalisierung der Feierlichkeiten. Unaufregender wiederum geraten die Schilderungen des Geologen- oder Architektenkongress des Jahres. Interessanteres wie die steigenden Kinderselbstmordraten infolge der Trennung von toten oder verhafteten Eltern, Selbstmorde der Mörder (Der Apparat verschlingt sich selbst) werden bestenfalls gerade noch nebensächlich behandelt.
Natürlich ist die Frage wie man mit einem so engen Bezugspunkt wie Moskau 1937 umgeht etwas womit von Anfang an bereits jeder Leser seine eigenen, möglicherweise mit dem Werk des Autors divergierende, Vorstellen mitbringt. Positiv festzuhalten ist daher im Sinne eines möglichst fairen Urteils dass es Schlögel großartig gelingt all seine literarischen Streifzüge eng mit Moskau und 1937 zu verbinden. Jahr und Ort sind der rote Faden, der die oftmals scheinbar völlig willkürlich zusammengefügten Themen verbindet. Das Augenmerk Schlögels mag dabei weniger der Geschichtsvermittlung als literarischen Ansprüchen gegolten haben, denn dem Abstrakten und meist "kulturellen" wird der höchste Stellenwert verliehen. "Terror und Traum" ist kein Buch über persönliche Schicksale, die Stalinschen Säuberungen oder den Wandel der Stadt und doch irgendwie ein Amalgamat aus all dem.
Fazit:
Ein Geschichtswerk mit eher literarischen Ansprüchen, die aber für Anhänger einer nüchternen eher sozio-politischen Geschichtsaufarbeitung missfallen kann, um es sehr vorsichtig auszudrücken.