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4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
1984 Reloaded, 10. August 2009
Rezension bezieht sich auf: Terror (Broschiert)
Mit Harm" - der Originaltitel steht für Hostile Activity Research Ministery - legt die Edition Phantasia nach Barfuss im Kopf" einen zweiten und erst vor zwei Jahren in England veröffentlichten Roman Brian W. Aldiss vor. Seine Herkunft verleugnet der Brite nicht. Im zweiten Handlungsstrang des vorliegenden Buches wird auf dem Planeten Stygia eine menschliche Kolonie gegründet. Die Auswanderer reisen an Bord des Raumschiffes New World" an. Nur einer der vielen, oft dezent verteilten Hinweise. Neben John Brunner und dem inzwischen verstorbenen James Ballard, sowie teilweise aufgrund seines kleinen, aber feinen Science Fiction Werkes und seiner bedeutenden Erfolge als Herausgeber Michael Moorcock gehört Aldiss zur New Wave, welche Ende der sechziger und Anfang der siebziger Jahre das Genre aus dem plötzlich progressiven und tabufreien England zu reformieren begann. Mit seinem neuen Werk kehrt Aldiss zu seinen zeitkritischen, progressiven Arbeiten zurück. Wie Dick in seinem Alptraum Flow my tears, the Police Man said" setzt sich Aldiss natürlich auch im Gefolge des 11. Septembers mit dem Außer Kraft setzen der demokratischen Grundrechte auseinander. Das England, das Aldiss aus der Perspektive seines Protagonisten Paul Fadhil Abbas Ali schildert, erinnert nicht nur zufällig an Moores Bahn brechende Comicserie V for Vendetta". Viele Ideen des vorliegenden Bandes finden sich schon in der inzwischen verfilmten Arbeit Moores, Aldiss hat sie nur extrapoliert und modernisiert. Setzte Alan Moore in seiner Beschreibung eines totalitären Systems auf die vollständige Gedankenkontrolle und Manipulation in der Tradition George Orwells, greifen Aldiss britische Vollzugsbeamte auf körperliche Gewalt zurück. So brutal und schockierend die Folterszenen auch sein mögen, die Absurdität von Moores Geschichten erreicht der Autor nicht. Die Extrapolation des Totalitarismus unter Thatcher bleibt unerreicht. Aldiss dagegen nimmt die Idee des oft vollkommen aus der Art geschlagenen Kriegs gegen den Terror auf. Er zeigt, wie die angeblich so demokratischen Nationen auch Unschuldige foltern, einsperren, isolieren und schließlich zu Geständnissen zwingen. Im Fall des britischen Staatsbürgers Paul Fadhil Abbas Ali gipfelt es in einer grotesken Erklärung, in welche Ali gegen seine Freilassung per Unterschrift bestätigen soll, dass er nicht misshandelt und gemäß den Genfer Konventionen behandelt worden ist. Einer der grotesken Höhepunkte dieses intensiv und kompakt geschriebenen Romans. Aldiss kritisiert die Regierungen, entlarvt ihr Verhalten als scheinheilig und undemokratisch. Aber im Gegensatz zu Orwells 1984" und Moore V for Vendetta" agiert der Autor vor einem deutlich schwierigeren Hintergrund. Befragt man die vielen Opfer und Hinterbliebenen der Terroranschläge nicht nur von New York oder Madrid, sondern vor allem London, so ergibt sich sicherlich ein anderes Bild. Orwell und Moore extrapolierten die Staatskontrolle, Aldiss attackiert das Vorgehen gegen eine reale Bedrohung. Das Exempel statuiert der Autor an einem unschuldigen Schriftsteller. Es sind immer die Künstler, welche zuerst unter einem totalitären Regime zu leiden haben. Ali hat eine komische Fantasy The Pied Piper of Hamnet" - ein weiterer Hinweis auf die suggestive Verführung der Massen durch das Individuum - geschrieben, in der der Protagonist die Ermordung des britischen Premiers vorschlägt, um die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Aufgrund dieser Passage wird Ali verhaftet, entführt, gefoltert, sinnlos befragt, ihm wird suggeriert, dass seine Ehefrau - eine Irin - unter der Folter gestorben ist. Im Gegensatz zur Realität der insbesondere amerikanischen Folterlager wie Guantanamo Bay oder Abu Ghraib versinkt Aldiss Buch nicht in sadistischer Gewaltpornographie. Der Autor geht sogar einen Schritt weiter. Im Vergleich zu den Allegorien eines Franz Kafkas erkennen auch die Wärter die Irrealität der Situation und versuchen bewusst oder unbewusst gegenzusteuern. Damit negiert Aldiss Teile seiner nihilistischen Botschaft. Auf der zweiten Handlungsebene in einer Hommage an Der Kuss der Spinnenfrau" flieht Ali in eine fiktive Welt. Er landet auf dem Planeten Stygia und wird zu Fremant. Was auf den ersten Blick wie eine perfekte Utopie erscheint, wird mehr und mehr zu einer Kopie des britischen Totalitarismus. Aldiss gelingt es ausgezeichnet und pointiert wie seit vielen Jahren nicht mehr in seinem Werk diese beiden Handlungsebenen indirekt zusammenfließen zu lassen. Im Großen wie im Kleinen wird den Protagonisten ihre Freiheit genommen, Während Ali effektiv festgenommen und eingesperrt wird, erkennen die Kolonisten ihre neuen Gefängnisse erst sehr spät. Dabei haben die Kolonisten schon früh alles Menschliche über Bord geworfen. Sie werden als Bewusstsein in Androidenkörper verpflanzt, Familien und Kultur, Religion und Nationalität gehen dabei verloren. Manchmal ein wenig zu belehrend und zu pathetisch zeigt Aldiss auf, dass selbst diese ideale und ideelle Gesellschaft den menschlichen Schwächen wie Herrschsucht, Machtkontrolle und Geltungsbewusstsein erliegt. Zu den originellsten Passagen gehört das Erwachen dieser Kolonisten. Wer sich an fragmentarisch an Politik erinnert, strebt eine Machtposition in den ausführenden Organen an, die Erinnerungen an Religion und Glauben führen automatisch zu Puritanersiedlungen und wer sich an Wissenschaft/ Forschung zu erinnern glaubt, wird automatisch zu Frankensteins Nachkommen. So originell diese Schemata auf den ersten Blick auch wirken, so idealisiert und konstruiert wirken sie auf der anderen Seite. Natürlich braucht Aldiss zu seiner dunklen Regierungsterrorhandlung ein entsprechendes und schockierendes Gegengewicht, aber der Autor negiert auch durch den unwirtlichen Planetenhintergrund viele solide Ideen. Warum nicht aufzeigen, wie sich ein totalitäres System aus einem Ideal heraus entwickelt? Gegen Ende des Buches extrapoliert der Autor geschickt eine klassische First Contact Situation, wenn die Menschen einer intelligenten Fremdrasse begegnen. Sie rotten sie einfach und skrupellos aus. Fremant macht sich schuldbewusst auf die Suche nach Überlebenden der Fremden und verkörpert genauso das Schuldbewusstsein der Androiden, wie Ali in seiner Zelle phantasiert, ob der Vorschlag der Ermordung des Premieres mehr als nur eine freche Bemerkung in seinem Buch ist. Wie Ballard in seinen späten Werken gehört Aldiss zu den Autoren, die oft zu Lasten einer konventionellen Handlung zu experimentieren beginnen. Im Vergleich zu anderen Spätwerken preisgekrönter Autoren ist Terror" mit knapp über zweihundert Seiten eine ungewöhnlich kompakte, fast karge Geschichte. Michael Plogmann hat den Roman adäquat übersetzt und versucht Aldiss fast kargen Stil - symbolisch für die isolierten Protagonisten - ins Deutsche zu übertragen. Manches Wortspiel bei einer vor Zitaten überfließenden Handlung ist dabei vielleicht auf der Strecke geblieben, aber Aldiss Intention unterstreicht die gute Übersetzung wie auch das augenfällige Titelbild sehr gut. Aldiss schickt beide Protagonisten - Ali wie Fremant - auf gefährliche und nicht zu kontrollierende Reisen, wobei die beiden Figuren zusammengenommen einen dreidimensionalen, interessanten, vielschichtigen und zugänglichen Charakter bilden. Ihm gelingt es, den Leser auf die Seite seiner gebrochenen und verängstigten, aber doch entschlossenen Figuren zu ziehen. Wenn der Autor am Ende nihilistisch zynisch, aber konsequent seinen Plot auflöst, leidet der Leser insbesondere mit dem Intellektuellen Ali. Terror" ist auf vielen Ebenen kein einfaches Buch. Nicht selten negiert der Autor klassische Romanstrukturen zu Gunsten seiner kritischen Attacke gegen die Feinde der Demokratie. In diesem Fall nur die Politiker und ihre Handlungsorgane. Wie schon angesprochen ignoriert diese Vorgehensweise die reale Gefahr und Bedrohung unschuldiger Leben durch die Terroristen und scheint das Leid einer Handvoll unter die demokratischen Rechte aller Menschen zu stellen. Dieser Punkt ist diskussionswürdig und Aldiss geht als große Schwäche des vorliegenden Bandes mit keiner Silbe darauf ein. Aber zeitkritische Literatur will in erster Linie den Finger auf Wunden legen und vor sozialen, gesellschaftlichen und politischen Strömungen warnen. In dieser Hinsicht ist trotz der angesprochenen kleineren Schwächen Terror" ein zufriedenstellender Nachfolger Orwells 1984" und seit vielen Jahren Brian W. Aldiss beste Arbeit.
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3.0 von 5 Sternen
Verstörende SF-Umsetzung des "War on Terror", 22. Juni 2010
Rezension bezieht sich auf: Terror (Broschiert)
Gerade mal 210 Seiten stark ist die deutsche Übersetzung seines Romans "Harm", doch darin verpackt Brian Aldiss eine ganze Menge Gedankenmaterial, das sich im Lauf der vergangenen Jahre angesammelt hat. Der "War on Terror" hat seine Spuren in den Köpfen hinterlassen - Angst und Misstrauen, wachsende Radikalität auf beiden Seiten und die Zerbröselung des gesellschaftlichen Zusammenhalts. In vielen Anspielungen nimmt Aldiss die Worthülsen der Anti-Terror-Koalition aufs Korn, stellt sich den Fragen des religiösen Extremismus und flechtet dies alles in sein sehr affirmatives, symbolisches Werk ein. Das Ergebnis verstört, liest sich allerdings recht sperrig - zu unklar bleibt Aldiss in seiner Symbolsprache, zu willkürlich erscheinen die Wechsel zwischen der Gefängniswelt und Stygia. Auch bleibt Aldiss in seiner Analyse der Ursachen des Terrors und der Terrorfurcht, des radikalen Islamismus und der Islamophobie doch sehr an der Oberfläche und beschränkt sich darauf, die Schikanen des Kerkers zu zeigen, der wie eine Mischung aus Abu Ghareib, Guantanamo und Orwells "Ministerium der Liebe" wirkt. Auch die Stygiaszenen lassen einiges an der Präzision vermissen, wie man sie aus Aldiss' älteren Werken kennt. Hinzu kommt eine nicht allzu überzeugende Übersetzung, die das Buch auch sprachlich blass erscheinen lässt. "Terror" ist damit ein interessantes literarisches Experiment, die SF-geprägte Umsetzung eines vielschichtigen Themas, das den Autor, wie man deutlich merkt, sehr bewegt und erzürnt. Dennoch ist er einer der schwächeren Romane von Brian Aldiss, der nicht an seine glorreichen Werke der Vergangenheit anknüpfen kann. Immerhin gelingt es Aldiss auch hier wieder, ohne Rücksicht auf literarische Konventionen seine Leser zu verstören. Das ist in der modernen SF eher selten geworden ... und einen Ausflug nach Stygia wert.
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3.0 von 5 Sternen
Dunkle Zukunftsvision, wie sie morgen schon Realität sein könnte, 26. September 2009
Rezension bezieht sich auf: Terror (Broschiert)
In nicht allzu ferner Zukunft wird der Schriftsteller Paul Fadhill, Engländer muslimischer Abstammung, von dem derzeitigen totalitären Regime in Haft genommen, weil er in seinem neuesten Roman eine satirische Floskel über ein Attentat auf den Premierminister hat einfließen lassen. Unter der grausamen psychischen, wie physischen Folter flüchtet sich Fadhill im Geist auf die fiktive Welt Stygia. Doch auch dort hält der Terror Einzug und macht Fadhills alter Ego Fremant zum Gejagten ' Erschienen unter dem Genrelabel Science Fiction wartet 'Terror' keineswegs mit Aliens, hypermoderner Technik oder gar Raumschiffen auf, sondern entwickelt eine dunkle Zukunftsvision, die angesichts der momentanen Terror-Hysterie keineswegs so abwegig erscheint. Dabei steht das totalitäre Regime, welches Paul Fadhill zum Opfer fällt, weit weniger im Vordergrund wie die Hauptfigur selber, deren Pein vom Autor in eindringlicher Art und Weise dargestellt wurde. Befremdlich, bizarr und surreal mutet die Welt Stygia an, in die sich Paul Fadhills multiple Persönlichkeit flüchtet, um den realen Qualen zu entrinnen. Dabei wurde Fadhills Geist bereits derart gebrochen, dass der Terror auch in seiner alternativen Welt zum festen Bestandteil wird. Stygia als Kolonialplanet der Menschheit beinhaltet den Großteil der Science Fiction-Komponente, entwickelt im Laufe der Handlung aber auch trockene und langweilige Passagen, und gerade die Fremdartigkeit und die Surrealität schaffen eine Distanz zum Leser, die das Buch stellenweise dröge erscheinen lässt. Erst wenn Fadhill wieder im Hier und Jetzt, das heißt in den kargen Räumen seiner Peiniger angekommen ist, gewinnt die Geschichte wieder an Tempo und Dramatik. Aldiss schuf mit 'Terror' ein gutes und wichtiges Buch über die traurigen Blüten, welche Angst und Fremdenfeindlichkeit treiben können. Der Stil des Autors ist bisweilen etwas sperrig und gehört gewiss nicht zur leicht verdaulichen Kost, ebenso wenig wie die Thematik. 'Terror' ist originell, grausam und keine einfache Unterhaltungsliteratur und sollte auch nicht als solche angesehen werden. Trotz seiner Längen regt das Buch zum Nachdenken an.
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