„Tenebrae" bedeutet Dunkelheit - und auf dieser CD sind die Responsorien, die nächtlichen Stundengebete, der Karwoche versammelt. Während sie erklangen, wurden im nächtlichen Gottesdienst nach und nach alle Kerzen gelöscht, bis nur noch eine - die Osterkerze - brannte. Carlo Gesualdo, dessen prägende Lebensmomente Wolfgang Hildesheimer in seinem Roman „Tynset" Revue passieren läßt (er ist im Begleitheft zitiert), kannte die Gesten des Schmerzes, des Leidens, der Verzweiflung wie kein anderer; er tötete seine Frau, die er mit einem Liebhaber ertappt hatte, und ihr gemeinsames Kind, das gerade zwei Jahre alt war - und über diese Taten wurde er seines Lebens nicht mehr froh... Das Hilliard Ensemble interpretiert Gesualdo zweifelsohne auf höchstem Niveau (die CD erhielt den Preis der deutschen Schallplattenkritik); einzig die gefühlsmäßige Zurücknahme dieser Musik, die den äußersten Schmerz verinnerlicht hat, könnte man ihnen zuweilen anlasten: sie musizieren wie immer: fehlerfrei, durchweg nobel, ohne Brüche. Aber auch in dieser bisweilen distanziert anmutenden Rückschau wird deutlich, was Gesualdo ausdrücken wollte - der grenzenlose, alles überwallende Schmerz, abwechselnd mit stiller Einkehr, Erinnerung, Verzeiflung. Das ausführliche Begleitheft gibt Denkansätze zum heutigen Verständnis mit auf den Weg. Um es - hoffnungsfroher - mit Loriot zu sagen: Dieses Werk sollte in keinem Tonträgerschrank fehlen. Es erleuchtet einen Punkt der Musikgeschichte, der zu Unrecht nach wie vor im Dunkel liegt, fernab von Karajan-Hitparadensound und dem Salm der drei hohen Sänger.