Zarte 67 Lenze zählte Leonard Cohen 2001, als er nach 5 Jahren Rückzug in das buddhistische Kloster Mt. Baldy Zen Center mit Sharon Robinson sein 10. Album aufnahm. Er hatte die Songs zusammen mit Sharon Robinson geschrieben, Sharon produzierte das Album digital - ein Novum für Cohen - im gemeinsamen Heim-Studio, spielte alle Instrumente außer der Gitarre in "Secret Live" (Bob Metzger) und sang natürlich den weiblichen Part.
Die zehn neuen Songs strahlen noch mehr Gelassenheit, Entspannung, Ruhe und Zärtlichkeit aus, als man das von Cohen vorher kannte - auch wenn das vielleicht keiner für möglich gehalten hätte.
Natürlich hören wir durchweg Duette, wobei meistens Cohens Stimme im Vordergrund steht. Vielleicht schade, denn an manchen Stellen (Anfang "Boogie Street") ahnt man, welche Schätze uns da verborgen bleiben. Auf der anderen Seite zeigt eine 2009-er Soloplatte von Sharon Robinson, wie sehr Cohen sie inspiriert. Die Instrumentalisierung ist spärlich, meistens hört man nicht mehr als ein manchmal etwas steril wirkendes Keyboard - oft nicht mehr als Halt und Hintergrund für die Vocals. Apropos Vocals - Cohens "Gesang" hat sich noch mehr als früher einem gehauchten Sprechen angenähert.
Die meist dezente Instrumentierung passt aber ohne Frage zu den Songs. Wie sich mehr anhört, kann man in "You Have Loved Enough" erleben. Dennoch geht es manchem so, dass er davon träumt, diese Lieder mit "richtigen" Musikern an richtigen Instrumenten zu hören. Robinson und Cohen leitete nicht eine falsche Sparsamkeit: Wie man liest, war die spartanische Instrumentierung Programm. Zen sozusagen.
Natürlich meditiert Cohen in seinen poetischen Texten wie schon so oft seine Befindlichkeiten. Auf zwei Bezüge sei hingewiesen: "Boogie Street" (auch in "A Thousand Kisses Deep") bezieht sich auf die Singapurer "Bugis Street", einen besonders durch seine zahlreichen Transsexuellen berühmt-berüchtigten Rotlichtbezirk.
Die CD erreichte Top-Positionen in Canada (#4), Polen (#1) und Norwegen (#1). Dem Album liegt ein Heftchen mit den Texten bei, leider ohne Übersetzungen.
"Ten New Songs" ist eines der raren Alben, in denen kein einziger Titel nervt. Klarheit und Gefühl sind wichtiger als musikalische Raffinessen - man kann sich schon nach ein paar Durchläufen nicht mehr der Faszination des ein- oder anderen Ohrwurms erwehren. Die bewährte Kombination von Cohens schleppender Roststimme mit zarten Frauentönen hat seit frühesten Tagen nichts von ihrem Charme verloren - im Gegenteil.
Auch, wenn man schon ältere Aufnahmen von Leonard Cohen besitzt, wird man die Erweiterung der Sammlung mit diesen neueren Songs sicher nicht bereuen. Zur bekannten Trauer kommt hier noch eine freundliche Gelassenheit, die den früheren "jugendlichen" Zorn, leider aber auch ein wenig die magische Anziehungskraft auf das andere Geschlecht ablöst.
jury 5* A0255 22.10.2010e 8 A