"Never change your way / even if you fail" hieß es noch trotzig auf dem Vorgängeralbum "Aerial View". Nun, wenige Tage nach Aydos Abgang aus Blackmail, erscheinen die Zeilen "Now we know that we'll never gonna make it / if you get the chance to grab it fast and take it / soon we'll find another way to be [...] sometimes you have to break it to survive" wie der lange geplante Abschied und damit auch wie die Kernbotschaft von "Tempo Tempo". Nimmt man dazu noch den Fakt einer abgebrochenen Clubtournee, dann entsteht der Eindruck, dass Aydo der Abschied am Ende nicht mehr schnell genug gehen konnte. - Doch das alles ist wie Kaffeesatzlesen. Für einen Blackmailfrischling wie mich ist auf "Tempo Tempo" von Ungereimtheiten und Splittingabsichten nichts zu spüren. Das Album überzeugt von vorn bis hinten, allein es gelingt der Koblenzer Band - wie schon bei "Aerial view" - nicht, eine schmissig-smashige Singleauskopplung auf die Beine zu stellen. Hier mag vielleicht der Hauptgrund ihres ausbleibenden Durchbruchs liegen. Es fehlt dieser EINE Ohrwurm à la "Stop the clocks" von den Donots; ein Lied, das im Übrigen wie ein schlechter Abklatsch von Blackmails "Moonpigs" klingt. Die Stärke von "Tempo Tempo" ist seine Gesamtkomposition, es ist ein Gesamtohrwurm.
Jemand schrieb von einer ausgewogenen Mischung aus Euphorie und Melancholie, ich würde es eher eine musikalische Revolution nennen - die ausblieb, die stecken blieb; eine Art Mix aus Revolte und Tragödie. Und demzufolge heißt es in "Swinging exit pleasure" auch passend: "Can't escape from where I've been / desperatly seeking for a brandnew start". Wenn man Blackmails Weg also nun endgültig als einen Weg des Scheiterns erkennen will, dann verstärkt sich tragischerweise damit noch die ohnehin schon mitreißende Zerrissenheit Ihrer Musik: die Dynamik und Urgewalt von Stücken wie "False medication", "Mine me i" bekommt einen bittersüßen Beigeschmack; das Innehalten und Anlaufnehmen in "Speedluv", "U sound" strahlt von Glaubwürdigkeit. Wem vor allem die Kaltschnäuzigkeit an Blackmail gefiel, der wird nicht mehr umhin kommen die neue Dimension ihrer Musik besonders in "Tempo Tempo" zu empfinden: die Dimension des ewigen Scheiterns - die irrsinnigerweise zur Größe Blackmails beiträgt. Zwischen der meist weit gespannten Geräuschwelt und dem einzelnen Hörer stellt sich ein stärkeres Miteinander ein als zuvor: es ist wie das Mitfühlen mit einem Kranken, ein Mitleiden und Mitkämpfen, wegen dem ich mich an manchen Stellen selbst wie der "Mentalist" fühle, nach dem auf diesem Album so oft gerufen wird. Doch wer ist hier eigentlich krank? Der Sound von Blackmail ist jedenfalls absolut klar und auf der Höhe der Zeit, gerade in "The mentalist". Krank sind deshalb vielleicht eher die Verhältnisse auf dem Musikmarkt, auf dem eine derart fähige Band nicht am verdienten Erfolg genesen kann bzw. konnte.