Nun ist sie da, 50 Jahre nach dem Erstling, 3 Jahre nach dem Vorgänger "Together Through Life" halten wir nun "Tempest" in den Händen, Dylans 35. Studioalbum. Angekündigt als sein nächstes Meisterwerk, als Fortführung seines grandiosen Alterswerks. Also alles so wie immer in den letzten 15 Jahren?
Das Cover, na ja, gewöhnungsbedürftig, sieht ein wenig billig aus. Skurril der Hintergrund. Die auf dem Cover unter Rotfilter abgebildete Frauenfigur stellt als Teil des Pallas Athene-Brunnens vor dem Wiener Parlament die Moldau dar. Die 3 dort ebenfalls versammelten Figuren stehen für die 3 anderen großen Flüsse der untergegangenen Donaumonarchie, Donau, Elbe und Inn. Im Gegensatz zu Robert Musils Held Ulrich ist Dylan aber sicher kein Mann ohne Eigenschaften. Auf dem Backcover sehen wir einen zur Fahrt entschlossenen Dylan, der uns durch die obligatorische Sonnenbrille anblickt.
Das Country-Intro zu "Duquesne Whistle" lässt kurz den Gedanken aufkommen, man hätte eine Country-Folk-Platte aus den 20er oder 30er Jahren aufgelegt. Dann setzt die komplette Band und wenig später Dylans altersrauhe Stimme ein. Seine Stimme, mittlerweile noch brüchiger, die Schlaglöcher auf den Stimmbändern noch größer, dennoch ist Dylan ein großer, ein einzigartiger Sänger. Er kann Geschichten erzählen, Gefühle vermitteln, Erinnerungen wecken, auf Konzerten so wie diesen Sommer oder eben auf "Tempest". Bei "Duquesne Whistle", einer Nummer in der amerikanischen Tradition der Train-Songs, spielt die Band zum Tanz auf, der Sänger hingegen befindet sich im Geisterzug und fragt sich beim Anblick des aufreißenden Himmels und beim Hören von Muttergottes Stimme, ob wohl die alte Eiche aus Kindertagen noch steht, ...that one we used to climb...". Zu dem Song gibt es ein sehr gelungenes, sehenswertes und amüsantes Video. Beim 2. Song "Soon After Midnight" spielt die Band, als wäre sie für eine Hochzeit auf dem Lande gebucht , man sieht wie die Gäste und das Brautpaar Stehblues tanzen, derweil wir die Geschichte vom Mann hören, dem ein treuloses Mädel all sein Geld gestohlen hat, der dann bald nach Mitternacht Liebe schwört und, ja, wir wissen, es ist umsonst.
Das folgende "Narrow Way", ein schneidender Blues, die Band voll drauf, der Song rumpelt vor sich hin und Dylan singt vorneweg. Der Song erinnert an die gute "Love And Theft", ein dylantypischer Rumpelblues. Eine Nummer, die Dylan bei den folgenden Konzerten in amerikanischen Provinznestern an der Rumpelbluesstelle platzieren kann. Das folgende "Long And Wasted Years" offenbart, dass die alte Columbia-Werbung aus den 60er Jahren "Nobody sings Dylan like Dylan" immer noch stimmt. Niemand interpretiert Songs, seien es eigene oder Covers, wie der Mann aus Minnesota. So schafft es Dylan, dass seine Musik jung und relevant bleibt. So wie er hier über eine schieflaufende Liebe singt, atmet, erzählt, kommentiert und phrasiert, phantastisch.
"Pay In Blood" klingt wie ein flotter Popsong, so eine Musik hat Dylan lange nicht mehr gemacht. "Mississippi" in schnellerem Tempo würde in eine ähnliche Kerbe hauen. Ein gut tanzbarer Song, dazu lässt Dylan Unbarmherziges durch die Lautsprecher schallen. Kommt bei Dylan oft vor, dass die Musik beschwingt ist, die Lyrics hingegen eine andere Sprache zu sprechen scheinen. Eine starke Nummer, wäre ein Single-Kandidat, wenn dies bei Dylan eine Rolle spielen würde. "Scarlet Town", eine Neuversion des Folk-Klassikers "Barbara Allen", den Dylan in den frühen Sechzigern wie in den späten Achtzigern zum Besten gab, erinnert an "Ain`t Talkin`" von "Modern Times". Ein dunkler, fesselnder Song, Dylan singt "In Scarlet Town the end is near..." und man glaubt es ihm. Die Musik ist sehnsuchtsvoll, eine Geige unterstützt die Band. Hier beginnt die zweite, herbstliche Seite von "Tempest".
Allerdings fällt das nachfolgende "Early Roman Kings" musikalisch etwas aus diesem Rahmen. "They destroyed your city, they`ll destroy you as well..." hören wir. Zwischen der Vergangenheit und der aktuellen Lage sieht der Sänger keinen wesentlichen Unterschied. Apokalyptischer Dylan-Stoff. Man konnte das Lied vorab als Hintergrundmusik für irgendeinen Filmtrailer hören. Seltsame Kombination. Ich fand den Song etwas schwach. Dazu ist "Mannish Boy" zu prägnant. Allerdings stelle ich fest, dass bereits nach einem Tag Dylans Silhouette hinter Muddy Waters deutlicher hervorzutreten beginnt. Der Song bleibt aber bisher für mich der schwächste Beitrag der Platte.
Nun folgt "Tin Angel", ein Drama-Song über eine verlorene Liebe. Atmosphärisch und bei der ein oder anderen Melodiephrase erinnert die Nummer an das meisterliche "Man In The Long Black Coat" von der wunderbaren "Oh Mercy". Eine große neunminütige Folkballade, deren Ausmaß an Shakespeare denken lässt. Solche Songs wollen die meisten von Dylan hören, tiefe, bedeutsame Epen. Geschichten aus dem alten Amerika. Das, was der ein oder andere beim Vorgänger "Together Through Life" vermisste. Gleichwohl tanzt Dylan auf mehreren Hochzeiten, bei der einen spielt er "Desolation Row", bei der anderen präsentiert er uns "Country Pie".
Eine irische Geige leitet den Titelsong "Tempest" ein. Was in der Nacht vom 14. auf den 15. April 1912 geschah ist nicht Thema dieses Songs. Da laut Dylan aber ein Songwriter sich dafür "interessiert, was hätte passieren sollen oder passieren können", ist es ihm auch wurscht, dass besagte Nacht windstill und sternenklar war, also weit und breit kein tempest. James Camerons Hollywood Blockbuster kommt auch noch rein und so stolpert man alsbald über Leo. Ob es sich aber über den Jack Dawson darstellenden Leonardo di Caprio handelt oder über Dylans Namensvetter Leo Zimmermann, wer weiß? Besagter Leo Zimmermann, ein Bauer aus dem Schwarzwald, befand sich tatsächlich an Bord der RMS Titanic. Dylans Song bietet auch kein Hollywood-Blockbuster-Schmachtfetzen-Gefühlskino, sondern erzählt im schönen Walzertakt vom darwinistischen Überlebenskampf, vom Bischof, vom Bordellbetreiber, vom Glauben und vom Abfall an ihn, vom Tod im Eiswasser, von einer Katastrophe. Der Song mag für manche zu lang sein. Dies geht mit nicht so, die Nummer wird mir nicht langweilig. Dennoch nicht das beste Stück auf der Scheibe.
Zum Abschluss folgt Dylans Hommage an Lennon, "Roll On John". Zu Lebzeiten gab es zwischen den beiden Songwritern immer eine gewisse wachsame, nervöse Distanz. Zu viel Ego & Gockelkonkurrenz verhinderten wohl eine größere Nähe. Dylans Gesang hier ist weich, bewegend. Dylans emotionale Verbundenheit mit Lennon ist bei diesem Song spürbar. Es ist bekannt, dass Dylan sich in Lennons Kinderzimmer vor einigen Jahren aufgehalten hat. Vielleicht hat der Song hier seinen Ursprung. Eine schön klingende Abschlussnummer bar jeder nostalgischen Verklärung, ein Killer, der Mord, das Verbluten, die Agonie, so endet das Album zu musikalischem Wohlklang.
Das nächste Meisterwerk also? Nach meinen ersten Eindrücken eine weitere sehr gelungene Scheibe. Sie kommt für mich nicht an "Time out of mind" ran, steht aber auf einer Stufe mit all den anderen seit 2001 veröffentlichten Werken, die sich allesamt durch hohes Niveau auszeichnen. Die Wirkung von Dylan-Alben hat ein Eigenleben, manch Platte verliert, manche gewinnt mit der Zeit. Es bleibt abzuwarten, wie sich meine Wertschätzung für "Tempest" entwickelt. Die Platte hat bei mir einen guten Start hingelegt. Abzüge gibt es nach einem Tag lediglich für den Muddy Waters-in Dylan-Maske-Song. Daher gebe ich jetzt 5 Sterne, drücke nochmal Play und lehne mich zurück. Roll on Bob...