Wahnsinnig gute Musik!!
Ich hatte ja vorab schon eine Reszension geschrieben und 4 Sterne gegeben.
Ein Punkt Abzug wegen des extrem hohen Preises für die Box, über den sich ja inzwischen Dylan Fans in aller Welt aufgeregt haben.
Nachdem ich alle drei CDs inzwischen mindestens 5 mal anghört habe, muss ich jedoch unbedingt die höchste Punktzahl geben und habe meine erste Reszension eben zurückgenommen.
Zunächst einmal muss gesagt werden, dass die Box absolut hochwertig aufgemacht ist und sich sehr vom sonstigen Mainstream Schrott abhebt.
Tolles Booklet, gelungenes Buch mit den Single Covern, welches den Bogen von damals bis heute spannt.
Ja, und dann ist da noch die Musik!!
Ich kann garnicht ausdrücken, wie sehr mich viele Titel von "Tell Tale Signs" bewegen und mir unter die Haut gehen.
Da sind z.B. zwei absolut grandiose Versionen von "Most Of The Time", die sehr unterschiedlich sind und letztendlich den Weg zur veröffentlichten Version auf "Oh Mercy" weisen.
Es ist sehr spannend zu hören, wie Dylan im Studio arbeitet, was auch von anderen Musikern wie Daniel Lanois, Jim Dickinson oder David Kemper erzählt wird (nachzulesen in der aktuellen Ausgabe des englischen Uncut Magazins).
Und dann sind da noch die sogenannten Outtakes von "Time Out Of Mind" in sehr unterschiedlichen Fassungen.
Die Versionen von "Mississippi # 1 und # 3" gehören meiner Meinung nach zum Besten, was jemals von Bob Dylan veröffentlicht wurde.
"Can't Wait" ist um Längen besser, als die Fassung auf Time Out Of Mind, ja Dylan erreicht hier sogar wieder die gesangliche Qualität, die seine so called Gospel Phase (von 1979 bis 1981) so stark gemacht hat.
Hat mal jemand den Rough Mix von "Shot Of Love" gehört? Nein?! Nun ja, in diese Richtung gehen hier "Can't Wait # 1" und das famose "Marchin' In The City # 1". Hingegen ist die 2. Version von "Can't Wait" pure "late night music", hypnotisch und sehr, sehr langsam! Unglaublich!!
Man gewinnt den Eindruck, das gesamte "Time Out Of Mind" Album hätte noch um Längen besser werden können, aber diese Problematik ist Dylan Fans ja bestens bekannt.
Es sind noch viele weitere Höhepunkte versammelt, z.B. das anrührende "Mary And The Soldier" (Dylan solo zur akustischen Gitarre), eine großartige Liveversion von "Things Have Changed" (aus dem Jahr 2000) und ein ebenso famoser Livemitschnitt von " High Water (For Charlie Patton") aus dem Jahr 2003, also noch mit dem Gitarristen Freddy Koella, dessen punkige Gitarre man sehr gut auf dem linken Kanal hören kann. Organische Musik, schräge Spielfreude und die Lust am Improvisieren verbinden sich hier zu einer meisterlichen Version des Liedes von "Love & Theft".
Bei der Auffführung eines Liedes, nämlich "Girl From The Greenbriar Shore" war ich sogar live dabei, 1992 im Kursaal in Dünkirchen, gerade an dem Tag, als französische LKW Fahrer die Grenzübergänge nach Frankreich dicht gemacht hatten, aber das wäre eine andere Geschichte.
Man könnte noch mühelos mehr und mehr aufzählen, aber das können ja Andere machen.
Sehr gut finde ich auch, dass mit "Cross The Green Mountain" und "Huck's Tune" zwei der schönsten Dylan Lieder aus den letzten 6 Jahren hier versammelt sind, damit sie endlich von einem größeren Publikum gewürdigt werden können.
Und was den Preis angeht, den finde ich zwar weiterhin zu hoch, aber der Gegenwert ist beachtlich.
Nur mal zur Erinnerung: ein Stehplatzticket bei Bruce Springsteen - im Stadion - kostete im Somemr genauso viel wie die gesamte Box, die Rolling Stones waren, glaube ich mich zu erinnern, bei 150 Euro für ein Ticket angelangt, und Abschiedstour Abkasssierer wie Tina Turner oder Police, wo die Massen, hinströmen, um in Erinnerungen zu schwelgen, kosten doch schon weit über 100 Euro.
Selbst integre Musiker wie Neil Young oder Eric Clapton sind schon bei einem solchen Preis für ein Ticket angelangt.
Vielleicht ist das gesamte System krank oder preislich explodiert, aber man sollte jetzt nicht explizit mit dem Finger auf Dylan zeigen, so nach dem Motto, der will abkassieren.
Das hat man hierzulande bei Bob Dylan immer gerne so gehalten und es hat Tradition, aber es ist doch sehr verlogen.
1978 hiess es zum Beispiel, Dylan würde nur des Geldes wegen erstmalig in Deutschland auftreten, er habe Rüstungsaktien in seinem Besitz, wäre nicht nett zum Publikum u.s.w.
Lauter dumme Stereotypen, so nach dem Motto: ein "Protestsänger" (noch so ein erbärmliches und überholtes Klischee) wie Bob Dylan darf sowas nicht!
Alle Anderen natürlich schon! Kein Problem!
Und nochmal zur Erinnerung in Bezug auf Tell Tale Signs: der Gegenwert ist hier sehr beträchtlich und von großer Schönheit, und ich habe 100 Euro in meinem Leben schon weitaus schlechter angelegt.