Dass der über 80jährige Telemann sich nicht auf seinen Lorbeeren ausruhte, sondern weiterhin an der Spitze des damaligen musikalischen Lebens zu bleiben gedachte, beweisen diese beiden Aufnahmen mit dem Concentus musicus Wien unter Nikolaus Harnoncourt. "Der Tag des Gerichts", mit einem Text des Rellinger Pastors Alers, ist eine erbauliche Kantate in vier "Betrachtungen", bei der die Hörer auf die Realität des Jüngsten Gerichts eingestimmt werden sollen. Es treten dementsprechend Figuren wie "Unglaube", "Vernunft", "Andacht" auf, und nicht nur Jesus, ein Erzengel und ein Chor der Seligen. Harnoncourt hat diese Kantate bereits 1966 eingespielt, aber man merkt der Produktion nur an Einzelheiten ihr Alter an, so beispielsweise daran, dass Knabensoprane als Solisten eingesetzt werden, was Harnoncourt heute vermutlich ablehnen würde. Die vier Wiener Sängerknaben leisten allerdings hervorragende Arbeit, obwohl ihnen naturgemäß die sängerische Reife fehlt. Ihre Rollen sind denn auch begrenzt, die Hauptrollen übernehmen Gertraud Landwehr-Herrmann (Sopran), Cora Canne-Meijer (Alt), Kurt Equiluz (Tenor, sehr gefällig) und Max van Egmond (Bass). Auch der Monteverdi-Chor Hamburg unter Jürgen Jürgens trägt nicht unerheblich zum Erfolg der Aufnahme bei. Der Klang ist für eine so alte Aufnahme erstaunlich klar und gut.
Mit 84 Jahren schrieb Telemann dann noch die dramatische Kantate "Ino" nach einem Text von Ramler. Hier lässt das alternde Genie das Barocke hinter sich und wagt sich auf empfindsames Terrain, und zwar mit der gleichen Selbstsicherheit, wie er sie schon immer aufzuweisen hatte: Diese Mini-Oper geht, musikalisch zumindest, unter die Haut. Ich habe auch nirgends sonst die Streicher des Concentus so mitreißend-konzentriert spielen hören. Roberta Alexander singt wirklich wunderschön, obwohl man ihr die konventionelle Opernsängerin noch anhört (Vibrato).
Konkurrenzaufnahmen dieser Stücke sind Mangelware, nur "Ino" ist vor vielen Jahren einmal von der Musica Antiqua Köln aufgenommen worden.