(...) Schöne Telefon-Geschichten finden sich auf einem von Markus Hoffmann gelesenen Hörbuch mit Texten von Kurt Tucholsky und Joachim Ringelnatz, von Walter Benjamin Eugen Roth, Julius Kreis (über die Neu-Entdeckung dieses Feuilletonisten freue ich mich besonders) und einigen anderen Großen der deutschen Sprache.
Zärtlich, mit federleichtem Jazz unterlegt, beginnt Hans Bötticher, also Ringelnatz mit seinem Gedicht "Telefonischer Ferngruß". Das ist so liebevoll und angemessen sanft vorgetragen, daß man sich recht wohl dabei fühlt. Ähnlich ergeht es dem Hörer bei den heiteren Beobachtungen, die Julius Kreis durch die Glasscheibe der Telefonzelle gemacht hat. Markus Hoffman ist der ideale Interpret. Ideal auch die eingestreuten kleinen Jazz-Stücke, deren Interpreten uns leider verborgen bleiben. Gerne würde man das eine oder andere mehr von ihnen hören.
Joseph Roth kann die Numer 22202 nicht erreichen und versucht sein Glück persönlich in der Telefonzentrale. Das ist ein Abenteuer beim Amt, in das eigentlich der Eintritt verboten ist. Tucholskys "Sie werden am Apparat verlangt!" führt ein Büro-Kammerspiel par excellence vor, Wolfgang Hildesheimers Geschichte entlarvt das Telefon auch als nächtlichen Ruhestörer, bei Henry Slesar wird der seit 15 Jahren der von vier Teilnehmerinnen geteilte Anschluß natürlich zum Zentrum eines Krimis und Franz Josef Herrmanns Anrufbeantworter mit Namen Ralf entwickelt ein bemerkenswertes Eigenleben.
83 (mehr geht nun wirklich nicht auf eine CD) höchst kurzweilige Minuten spendiert diese CD in Gestalt einer alten Wählscheibe mit einem klassischen W 48 auf dem Umschlag und im Beiblatt einem kompakten Abriß der Geschichte des Telefons. Literarisch wie musikalisch brillante Unterhaltung, die ohne Besetztzeichen den Musenkuß verdient.
von Robert Sernatini