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Teilnehmende Beobachtung in interkulturellen Situationen (Europäische Bibliothek interkultureller Studien) [Broschiert]

Gabriele Weigand , Remi Hess

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Kurzbeschreibung

12. September 2007 Europäische Bibliothek interkultureller Studien (Buch 13)
Unser Wissen über den Austausch in interkulturellen Gruppen ist noch sehr begrenzt. Vor allem die Frage, welche Konstellationen zum Kulturkonflikt und welche zu einem Dialog führen, bedarf der Aufklärung. Als eine wichtige Methode, um Gruppenprozesse zu untersuchen und zu fördern, hat sich die teilnehmende Beobachtung erwiesen. Die Autorinnen und Autoren stellen die Grundlagen und die Entwicklung dieser Methode dar und zeigen unter anderem am Beispiel des über 30-jährigen Jugendaustauschs des Deutsch-Französischen Jugendwerks, wie sie in der Praxis anwendbar ist.

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Über den Autor

Remi Hess ist Professor für Erziehungswissenschaften an der Universität Paris VIII, Vincennes. Gabriele Weigand ist Professorin für Allgemeine Pädagogik an der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe.

Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Teilnehmende Beobachtung ist eine der alltäglichen Verhaltensweisen, die Menschen in vielen Lebenslagen praktizieren. Wir beobachten ständig andere Menschen. Das geschieht manchmal bewusst, in der Mehrzahl der Fälle aber eher unbewusst. So weichen wir Menschen auf der Straße aus, weil wir sonst mit ihnen zusammenstoßen würden, um nur ein Beispiel dafür zu benennen, dass sich aus der Beobachtung der anderen für uns oft Konsequenzen auf der Handlungsebene ergeben. Vielleicht sind es schon diese Alltäglichkeit und die daraus resultierende Vertrautheit mit der Methode, die dazu führen, dass es schwerfällt, genaue Regeln für die Vorgehensweise bei der teilnehmenden Beobachtung zu formulieren. Diese Schwierigkeit vergrößert sich noch dadurch, dass die Teilnahme am Prozess und damit verbunden die Eingeschlossenheit in Interaktionen die Suche nach allgemeinen Regelungen fast aussichtslos erscheinen lässt. Es ist die Besonderheit der Situation, die es erfordert, sich mit den jeweiligen Gegebenheiten zu arrangieren, um zu verhindern, dass man die Situation, an der man teilnimmt, durch abweichendes Verhalten zerstört. Bereits im Alltag ist es typisch, dass man Teil dessen ist, was man beobachtet, wenn teilnehmend beobachtet wird. Es bietet sich an, diesen Aspekt noch etwas näher zu betrachten: Bereits im Alltag kommt zu der Beobachtung und dem anschließenden Verhalten etwas Zusätzliches gegenüber der einfachen Reaktion im Sinne eines Reflexes hinzu. Indem man teilnehmend beobachtet und die Handlungen entsprechend dem Ergebnis der Beobachtung zu steuern beginnt, tritt ein reflektierendes Element mit auf: Man nimmt zu der beobachteten Situation eine Distanz auf und sieht sich selbst auch in Differenz zu dieser Situation. In gewisser Weise tritt man aus der Situation heraus, die man teilnehmend beobachtet, solange dieser Prozess andauert, um dann eventuell wieder in eben diese Situation einzutauchen. Damit ist einleitend ein Merkmal alltäglicher teilnehmender Beobachtung benannt, welches auch im wissenschaftlichen Kontext von großer Bedeutung ist: Indem man beobachtet, ist man nicht mehr nur Teilnehmer, sondern zugleich auch mehr oder weniger distanzierter Betrachter der Welt, an der man teilnimmt. Man stellt Vergleiche an, klassifiziert und kann dann das eigene Verhalten einrichten. Das geschieht im Alltag zwar oft fast automatisch, ist aber eine Besonderheit der teilnehmenden Beobachtung, die noch näher zu explizieren sein wird. Ebenfalls wird bereits im Alltag deutlich, dass teilnehmende Beobachtung nicht nur Beobachtung im klassischen Sinn einschließt. Sobald man Teilnehmer einer Situation ist, hört man auch Gespräche und spricht selbst. Die Informationsaufnahme enthält demnach ebenfalls sprachliche Elemente. Indem man teilnimmt, lässt man sich sprachlich und handelnd auf die Situation ein. Dabei gewinnt man, gezielt oder nicht gezielt ist hier nicht die Frage, handlungsrelevante Informationen. Zumindest im Alltag umfasst das, was hier als teilnehmende Beobachtung charakterisiert wird, mehr als nur Beobachtung. In die Beobachtung fließen andere Informationen mit ein, die wiederum deren Ergebnisse mitbestimmen. Teilnehmende Beobachtung ist auch eine der klassischen Methoden in den empirischen Sozialwissenschaften. Sie wurde und wird in den unterschiedlichsten Untersuchungsfeldern angewendet. Allerdings ist ihre Distanz zu anderen Methoden häufig nicht besonders groß. Insbesondere besteht eine große Nähe zur Feldforschung, die oft als Merkmal die Teilnahme des Forschers und dabei die Beobachtung anderer Protagonisten aufweist. Gegenwärtig zeichnet sich in der Literatur eine Tendenz ab, eher Feldforschung darzustellen und die teilnehmende Beobachtung als Teil der Ethnographie und der Feldforschung anzusehen (vgl. etwa Flick/v. Kardorff/Steinke 2004). In vielen Beiträgen findet sich kaum eine Differenzierung zwischen teilnehmender Beobachtung und Feldforschung; allenfalls wird teilnehmende Beobachtung als eine der wichtigen Vorgehensweisen bei der Feldforschung charakterisiert (vgl. etwa Angrosino/Mays de Pérez (2000). Damit wird eine Phase beendet, in der die teilnehmende Beobachtung mehr als eine eigenständige Methode angesehen worden ist (vgl. Friedrich 1973). Bei den folgenden Überlegungen wird einerseits diese neue Entwicklung nicht geleugnet, aber andererseits auch das, was klassisch teilnehmende Beobachtung ausgemacht hat, mitberücksichtigt. Das hängt auch damit zusammen, dass es sich sowohl bei der teilnehmenden Beobachtung als auch der Feldforschung eher um ein mixtum compositum verschiedener Methoden handelt. Die Kulturanthropologie hat sowohl die Tradition der Feldforschung mitbegründet, weil es sich in diesem Kontext in der Regel ergeben hat, verschiedene Methoden miteinander zu kombinieren und das dann als Feldforschung zu bezeichnen. Sie ist aber ebenfalls bestimmend in dem Bereich gewesen, der als teilnehmende Beobachtung beschrieben wird (vgl. Adler/Adler 1987). Dabei besteht ein Unterschied der Feldforschung zur teilnehmenden Beobachtung darin, dass Feldforscher sehr häufig darum bemüht sind, möglichst wenig an den Situationen teilzunehmen, für die sie sich interessieren (vgl. Angrosino/Mays de Pérez 2000). Das "natürliche" Setting soll durch sie möglichst wenig gestört werden.

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