So wie das zu besprechende Buch wunderbar konstruktivistisch aufgebaut ist, so soll auch meine Rezension ausfallen. Meine Gedanken liefern also in erster Linie eine Aussage darüber wie ich, Patrick Breitenbach, das Buch empfunden habe und nicht wie das Buch wirklich ist. Das sei nur als Vorwarnung gesagt.
Es gibt nur wenige Bücher, die ich in einem Haps verschlinge. „Teil der Welt“ ist ein solches und hinterließ neben jeder Menge Unterhaltung auch ein tiefes Gefühl von Verständnis, Erkenntnis und wichtige inspirierende Anknüpfungspunkte. Es ließ mich teilhaben an der faszinierenden (Gedanken)welt eines Menschen der so wunderbar verrückt, verschroben, klar, offen, dickköpfig, kreativ und herzlich zugleich war. Es gibt nur wenige bewusst gewählte Vorbilder für mich, dieser Mann, spätestens nach der Lektüre, wurde nun wahrlich eines davon.
Natürlich war ich schon vorab mit der Person Heinz von Foerster in Fragmenten vertraut. Seine Interviews, die zum Teil als Videoschnipsel auf Youtube abrufbar sind, haben mich auf Anhieb immer wieder in den Bann gezogen. Heinz - wie er sich selbst gerne in der dritten Person nannte - war ein fabelhafter Geschichtenerzähler und damit ein Magier der Kommunikation. Er verstand es das Publikum in seinen Bann zu ziehen, indem er womöglich zwei Dinge richtig gut tat: 1. Er strahlte ungeheuerliche Intelligenz und Selbstsicherheit aus und 2. verwendete er dabei eine fabelhaft einfache Ausdrucksweise mit einer leicht schelmisch bis anarchistischen Haltung. Auch seine Haltung bezüglich der Untrennbarkeit von Wissenschaft, also den ganzheitlichen Blick auf die Zusammenhänge des Lebens schätze ich ungemein. Kurzum ich habe vor der Lektüre des Buches schon einen gewissen wohlwollenden geistigen Nährboden mitgebracht.
Auch der Konstruktivismus und generell die großen Fragen der systemischen Theorien waren mir zuvor nicht gänzlich unbekannt, im Gegenteil ich habe mich seit vielen Jahren damit mehr oder weniger intensiv beschäftigt und nach und nach wurde diese Betrachtungsweise der Welt, oder Denkschablone, wie ich sie manchmal nenne, zu meiner eigenen Methode die Welt zu erschließen. Aber wirklich verinnerlicht habe ich diese Haltung wohl erst dank der Lektüre dieses Buches. Es hat mich also regelrecht verzaubert.
Wer von vornherein dem Thema skeptisch/dogmatisch gegenübersteht wird wohl mit den Gedanken wenig anfangen können, zumal schon die Erzählform in den Augen vieler wissenschaftsorientierter Menschen als ein „no-go“ aufgefasst werden könnte. „Der Mann erzählt eine Geschichte und das auch noch bruchstückhaft. Das ist ja unerhört!“ höre ich sie schon rufen. Wer aber gewillt ist zwischen den Zeilen zu lesen und Erkenntnisgewinn nicht nur aufgrund von scheinbar rationalen, wissenschaftlich formulierten Aussagen für sich ziehen kann, der sollte dieses Buch unbedingt lesen. Kein anderes Buch vermittelt den Konstruktivismus, die Kybernetik und vor allem die Frage der Ethik so spielerisch, spannend und unterhaltsam wie dieses Buch.
Ich glaube Heinz von Foerster ist einer der unterschätzten großen Geister des 20. Jahrhunderts oder wie er selbst mal formulierte „Ich bin sehr schlecht in Sachen PR“. Seine Forschungen hatten bahnbrechende Konsequenzen und seine interdisziplinäre Vernetzung mit den größten Wissenschaftlern, aber auch Studierenden seiner Zeit war wohl sein größtes Talent, damit jedoch in den Fokus der Aufmerksamkeit zu gelangen wohl weniger, was ich persönlich sehr schade finde, denn im Konkurrenzkampf der Aufmerksamkeit dürften die Ansichten von Heinz weitaus gesellschaftlich relevanter sein als das meiste was wir tagtäglich von den Medien serviert bekommen.
Für mich war also weniger wichtig was genau Heinz entdeckt hat sondern vielmehr das „wie er es entdeckt hat“, nämlich durch seine eigene (ethische) Haltung. Mit offenen Augen und scharfem Verstand durchs Leben ziehen und sich auch ein Stück gelassen treiben lassen, um emergente Situationen auf sich zukommen zu lassen und sie mit einer selbstverständlichen Offen- und Herzlichkeit zu „nutzen“. Die Erzählweise von Heinz ist bemerkenswert, man achte nur auf seine Wortwahl. Aus seiner Sicht ist die Welt hochinteressant, wundervoll, entzückend und faszinierend. Er konnte den Konstruktivismus und die Kybernetik also nicht nur wundervoll auf seine Weise beschreiben, sondern sie tatsächlich auch als Haltung leben.
Es gibt natürlich Passagen im Buch, die auf bestimmte Fragen eine unbefriedigende Sichtweise hinterlassen, aber das führt letztlich dazu sich selbst auf die Reise zu machen. Heinz von Foerster will schließlich keine Fragen beantworten, weil es für ihn nicht „die Antworten“ gibt, er will neue Sichtweisen ermöglichen und vor allem eine Haltung anbieten, bei der jeder einzelne Mensch das Heft selbst in der Hand hat, ohne dabei jedoch von anderen Menschen losgelöst zu sein. Nicht die Umwelt formt uns, sondern wir formen durch die Formung der Umwelt uns selbst. Heinz behauptete ja immer er sei kein Poet. Ich glaube in diesem Punkt irrte er sich gewaltig. Heinz war ein wahrhafter Wissenschaftspoet.
Ich danke der Autorin Monika Broecker für ihre ungeheurliche Arbeit, die sie in dieses Buch gesteckt hat. Sie hatte das Vernügen diese Gespräche mit Heinz zu führen, aber wohl auch die undankbare Aufgabe aus der Fülle von Input ein knackiges Buch zu komprimieren. Ich kann mir vorstellen, das dies nicht gerade einfach war. Aber am Ende ist es ihr definitiv gelungen.
Wer eine nüchterne wissenschaftliche Abhandlung über Ethik, Konstruktivismus oder Kybernetik erwartet sollte das Buch nicht kaufen (oder vielleicht gerade doch). Wer ein Freund von Abenteuergeschichten, philosophischen Gesprächen und Gedankenspielen ist muss dieses Buch einfach gelesen haben.