Teil der LösungUlrich Peltzer: Teil der Lösung
Die filmskriptartige Gestaltung mit ihrem vor allem am Anfang des Romans etwas atemlosen Szenen- und Personenwechsel macht das Zurechtfinden in Peltzers Roman zunächst schwierig. Je weiter man liest, desto klarer werden jedoch des Autors Absichten und Motive und desto plausibler wird das Romangeschehen.
Der Roman bietet ein überzeugendes Bild der Lebens-, Denk- und Liebesweise westlich sozialisierter moderner junger Männer und Frauen, die bei Erscheinen des Romans im Jahre 2007 zwischen 25 und 45 Jahre alt waren. Aus Peltzers Sicht spielt für diese Generation der Ost-West Konflikt keine Rolle mehr. Berlin als der wichtigste der Spielorte trägt längst keine, auch keine ideologischen Spuren einstiger Teilung. Prenzlauer Berg ist dem aus der westlichen Provinz stammenden Protagonisten Christian Eich ebenso vertraut wie Kreuzberg seiner Freundin Nele Fridrich, die aus einem Dorf in Mecklenburg-Vorpommern kommt.
Für Peltzers Personage sind die rebellischen endsechziger und siebziger Jahre von historischer Relevanz, nicht die "sanfte Revolution" in der DDR von 1989. Zu den Irritationen dieser post-68'er Generation gehören die Zunahme staatlicher Überwachung in den vergangenen 20 Jahren, der Abbau sozialer Leistungen, die berufliche Unsicherheit und Perspektivelosigkeit selbst gebildeter und qualifizierter junger Leute. Auf die Vereinzelung des Individuums zeigt der Autor eine ganze Bandbreite von Reaktionen, die von Karrierismus und Ellbogenmentalität bis zu Gleichgültigkeit gegenüber Freunden in Not und Verzweiflung reicht, die den im Stich Gelassenen bis in den Selbstmord treiben kann.
Es ist aber auch eine Zeit, in der sich erste Zeichen neuer Aufmüpfigkeit und die Hoffnung bemerkbar macht, es könnte gelingen, neue Formen des Zusammenlebens in der Gesellschaft zu entwickeln. Die zunächst spontane und verworrene Opposition gegen gesellschaftliche Zustände, die vielen jungen Leuten immer weniger erträglich scheinen, wird ernsthafter.Die ostdeutsche Nele ist in die Aktivitäten einer solchen Gruppe junger Leute involviert und erweist sich nicht nur als mutig, entschlossen und verschwiegen, sondern auch als der Gewaltlosigkeit verschrieben und zu realistischem Denken fähig.
Die Liebesgeschichte, die sich zwischen Christian und Nele anbahnt, unterscheidet sich von der klassischen Romangestaltung solcher Beziehungen in vielfältiger Hinsicht: Das Paar gehört dem gleichen intellektuellen Milieu an und lernt sich über gemeinsame Kontakte kennen -der wissenschaftliche Betreuer von Neles Magisterarbeit ist Christians langjähriger Freund Jakob Schüssler - Sie verlieben sich, wobei Nele die Initiative ergreift, während der mehr als zehn Jahre ältere und auch in sexuellen Beziehungen erfahrenere Christian eher schüchtern und abhängig von ihrer Führung erscheint. Nele bestimmt selbstbewusst und unabhängig den Verlauf, den die Beziehung nimmt. Sie ist es, die Christian auf seine mentale, emotionale und politische Eignung als ihr Partner prüft, während er sie in jeder Hinsicht anerkennt und keine Fragen zu stellen wagt. Nele fühlt sich Christian gegenüber zu keiner Rechenschaft über ihre politischen Aktivitäten verpflichtet, während er ihr über sein halb konspiratives Vorhaben berichtet, einen Teilnehmer an den Aktivitäten der italienischen Roten Brigaden in Paris zu interviewen. In Paris entschließt sich Nele, bei Christian zu bleiben und nicht mit einer Zufallsbekanntschaft die Stadt zu verlassen und nach Berlin zurückzukehren. Ob die Beziehung halten wird, bleibt unbestimmt. Mit diesem Anticlimax bricht der Roman ebenso abrupt ab, wie er mit dem Vorfall im Sony Center begann.
Die jungen Menschen in Peltzers Roman mit ihrer selbstverständlichen Mobilität und Anpassungsfähigkeit, aber auch ihrer Kritikfähigkeit und ihrem rebellischen Geist können so nur im heutigen Berlin zu Hause sein, nur dort spiegelt sich in ihrer lakonischen Sprache die Lebensweise und der Habitus der Menschen in dieser Stadt wider; nur in der Liebe wird ihre Sprache allmählich weicher und ausdrucksstärker. Die Protagonisten und ihre Freunde, Bekannten und Kollegen prägen die Atmosphäre dieser Stadt wie sie selbst von Berlin mit seinen unzähligen Gaststätten, Imbissen, Kneipen, Vernissagen und Lesungen, seinen Parks, Schwimmbädern, Partys und Events geprägt werden.