So wie Jon Savage ergeht es vielen Autoren. Irgendein Projekt verstellt den Fokus der Aufmerksamkeit, und schon ist man in einer Geschichte gefangen, die einem erst wieder frei lässt, wenn man ein dickes Buch geschrieben hat. Etwas merkwürdig ist es allerdings schon, wenn uns ein Bericht in die Hand gedrückt wird, der dort aufhört, wo er nach unserer Erwartung beginnen sollte. Daher fühlt sich der Autor auch dazu genötigt, gleich zu Beginn eine Erklärung abzugeben. So einleuchtend es ist, sich auf die Vor- oder Urgeschichte der Teenager zu beschränken, so rätselhaft bleibt die Änderung des englischen Originaltitel The Prehistory of Youth Culture: 1875 - 1945 zu The Creation of Youth Culture. Fest steht jedenfalls, dass wir über die Zeit von Elvis Presley & Co nur sehr wenig erfahren, sondern mit Wahrnehmungen und Biografien von Jugendlichen Bekanntschaft machen, die früher lebten und nach Ansicht des Autors die Wegbereiter der Nachkriegsgenerationen waren. Das muss einfach wissen und annehmen, um Enttäuschungen zu vermeiden.
Jon Savage ist Schriftsteller, Rundfunkautor, Musikjournalist. Und mit seinem Buch England's Dreaming wurde er international bekannt. Ob allerdings alle seiner Fans auch vom neuen Werk begeistert sind, bezweifle ich. Denn wer sich für die Darstellung des Punk Rock begeisterte, bringt eventuell nicht das Durchhaltevermögen und das Interesse mit, das es für die Lektüre dieser umfassenden geschichtlichen Darstellung braucht. Auch wenn die vielen Storys und Lebenszeugnisse den Unterhaltungswert steigern. Faktum bleibt: Jon Savage bringt so viele Personen und Ereignisse auf die Bühne, dass man als Publikum immer wieder eine längere Pause einlegen muss, um den Saal nicht vor dem Ende zu verlassen. Zumindest mir erging es so.
Was steht drin? Diese Frage befriedigend zu beantworten, fällt mir ebenso schwer wie dem Klappentexter. Jon Savage schreibt eine Kulturgeschichte der Jahre 1875 ' 1945, in deren Zentrum Jugendlich stehen. Er macht uns mit deren Wünschen, Träumen, Hoffungen und Ängsten bekannt, zeigt anhand von aussergewöhnlichen Biografien das Eingegossensein in patriarchalische, religiöse und politische Regelwerke, macht uns auf die befreienden Kräfte der Musik und aufmerksam, erinnert an die existentiellen Nöte während Krisen- und Kriegsjahren, entführt uns selbstverständlich nach Amerika und kommt immer wieder nach Europa zurück. Wir erhalten Einblicke in Medien, die wir nur noch vom Hörensagen her kennen. Und wir spüren im Verlauf der Ausführungen immer mehr, dass Teenagers zwar als Marketingbegriff geboren wurden, sich aber wie Zauberlehrlinge unaufhaltsam von ihren Meistern lossagten.
Mein Fazit: Jon Savage entwirft ein Panorama, das in seinen Einzelteilen schon gezeichnet wurde, aber vor diesem Buch noch nie als Ganzes zu sehen war. So locker, wie das Cover vermuten lässt, lesen sich die 500 Seiten nicht. Bringt der Leser allerdings ein historisches Interesse mit, so wird er dem Autor dankbar sein, trockene Quellen und lebendige Lebenszeugnisse vereint zu haben. Noch mehr Bilder und leicht lesbare Zusammenfassungen hätten wohl auch historisch Interessierte begrüsst.