Kloster, das klingt für uns Europäer, die in einer christlichen Tradition aufgewachsen sind, eher nach Abgeschiedenheit, dicken Mauern und eingeschworener Gemeinschaft, nach Armut, Keuschheit und Gehorsam. Übertragen auf Asien bleibt dennoch die Vorstellung einer einsam gelegenen Enklave, umgeben von Natur und andachtsvoller Stille, und Mönchen in gelben und orangefarbenen Gewändern in beständiger Meditation.
So ist Michaela Vieser zunächst enttäuscht, liegt doch IHR Kloster in einem städtischen Gebiet an einer belebten Straße. Auch von den bekannten zierlichen Häusern und Tempeln mit den geschwungenen Pagodendächern entdeckt sie zunächst nichts, statt dessen Apartment-Häuser, Büros, eine Großküche. Doch sie wird freundlich empfangen und spürt, dass man sich auf ihren Besuch vorbereitet hat. Vieser hat zwar japanisch gelernt, dennoch kämpft sie mit Verständigungsschwierigkeiten, die aber im Laufe der Zeit besser werden. In der Klosteranlage leben vorwiegend Familien (man darf also heiraten), und sie erteilt einmal in der Woche Englischunterricht für Kinder.
Das Problem, einen autobiografischen Bericht, in dem es vor allem um spirituelle Erfahrungen geht, nicht zur Nabelschau zu machen, hat die Autorin gut gelöst: Nach den Ankunftsszenen erzählt sie nicht chronologisch, sondern stellt jeweils eine Person, mit der sie etwas Besonderes verbindet, in den Mittelpunkt eines Kapitels. So erfährt der Leser, dass Ikebana mehr ist als Blumenstecken, Kalligrafie mehr als Schönschreiben und Kendo, der japanische Schwertkampf, nichts zu tun hat mit dem Säbelklirren europäischer Ritter. Sowohl diese speziellen japanischen Künste als auch die alltäglichen Arbeiten des Kochens, Gärtnern und Putzens und besonders die Gebets- und Meditationsstunden haben ein gemeinsames Ziel: Den Menschen in sein Inneres zu führen, ihm auf den Weg zu helfen, der für sein Leben gut ist, damit er mit sich selbst und seinen Mitmenschen in Einklang und Zufriedenheit lebt.
Michaels Vieser betrachtet sich und ihre Kämpfe mit den Fettnäpfchen, die bei jedem Schritt lauern, mit Humor, Augenzwinkern und gelegentlich mit einer Portion Koketterie nach dem Motto: Seht her, ich bin die etwas tollpatschige Europärerin, aber sehr ihr auch, wie lernfähig ich bin?
Was mir auch gefällt: Dass ihr jede Art von Missionierungseifer fehlt. Die Erfahrungen, die sie gemacht hat und die für ihr weiteres Leben prägend waren, hat sie für sich selbst gemacht. Sie hat nicht den Ehrgeiz, jeden Leser zum Buddhisten machen zu wollen.
Sprachlich liest sich das Buch leicht, etwa wie ein guter Reise- oder Erlebnisroman, dessen Lerneffekt nicht zu unterschätzen ist. (Man erfährt Wesentliches über Japan und seine Kultur - nicht nur die des Buddhismus - , und es setzt sich im Kopf einfach besser fest, wenn jemand über sein Erleben erzählt, als wenn man ein Sachbuch studiert.) Über gelegentliche Tautologie kann man weglesen.