Zukunftsprognosen und Vergesslichkeit sind ein unzertrennbares Paar, dem die Faulheit zudem wie ein Schatten folgt. Denn würden wir uns die Mühe machen, Aussagen der Vergangenheit mit den Realitäten zu vergleichen, würde unser Vertrauen in die Voraussager der Zukunft arg erschüttert. Dies selbstverständlich wissend, tritt der kluge und rhetorisch gewandte Matthias Horx die Vorwärtsstrategie an, lädt seine Leser gleich zu Beginn auf den Dachboden seiner jugendlichen Wohnstätte ein und zeigt ihm dort die Schätze seiner Kindheit. Storytelling auf hohem Niveau. Denn indem er uns emotional vorführt, wie wenige der damaligen Technologieträume Wirklichkeit geworden sind, hat Matthias Horx uns spielend auf seine Seite gezogen. Clever und sehr viel sympathischer als die üblichen Schimpftiraden auf Konkurrenten. Und um seiner Strategie noch das Sahnehäubchen aufzusetzen, präsentiert uns der bekannteste Zukunftsforscher Deutschlands noch einen Zeitungsartikel über seinen technikbegeisterten Vater. Klasse gemacht.
So eingestimmt hören wir dem Sohn nun mit offenem Mund zu, wie er Kultur- und Technikgeschichte elegant miteinander verbindet, mit einer rasant vorgetragenen Floppologie den Boden für seine Theorie vorbereitet und unsere Wahrnehmung für Erfolgreiches schärft. Unsere Vergesslichkeit ernst nehmend, bringt er viele Beispiele aus früheren Büchern, ohne gleich in das Copy-Paste-Muster zu verfallen. Und warum sollte er gute Geschichten entsorgen, wenn sie durch eine Neuinszenierung wieder Frische gewinnen? Kommt hinzu, dass Horx auch die Haupt- und Nebenfiguren anders gewichtet. Die evolutionär geprägten Verhaltenmuster rücken viel mehr ins Rampenlicht als früher, was klar auf Kosten der Rolle geht, die für die Vernunft reserviert ist. So wechselt Matthias Horx ganz lautlos und offenbar ohne Tränen Wegweiser aus, die vor nicht langer Zeit noch unverrückbar im Betonsockel standen. Das gefällt mir natürlich, weil es dem viel mehr entspricht, was auch die Neurowissenschaftler behaupten. Wer Wahrscheinlichkeitsrechnungen für Modelle der Zukunft aufstellen will, muss die Regeln und Gesetzmäßigkeiten kennen, die menschliches Verhalten steuern. Lediglich eigene Wünsche in die Zukunft zu projizieren, hat mir Prognostik nichts am Hut.
Selbst wenn Matthias Horx am Schluss seines Buches dazu ermuntert, sich bei Bedarf an Trend- und Zukunftsforschung bei seinem Institut zu melden, ist sein Buch erfrischend frei von Eigenwerbung. Ganz offensichtlich machte auch er die Erfahrung, dass dies gar nicht notwendig ist, wenn der Leser das Gefühl hat, ein Autor habe etwas Wesentliches zu sagen. Denn um mit seinen vorgeschlagenen Brillen auch wirklich ein scharfes Bild zu sehen, braucht es viel Erfahrung, um die Dioptrien richtig einzustellen. Nur dann erkennt man, welche Treiber am Werk sind, was Widerstände auslöst, wo die Zugänge am einfachsten sind und in welcher Phase sich das Beobachtete befindet.
Geschrieben ist diese gelungene Mischung von Zukunftsforschung, Kulturgeschichte und Technologiebetrachtung gewohnt locker und anschaulich. Die eingeflochtenen Zitate machen Sinn und werden immer nahtlos mit den Thesen des Autors verbunden. Nur der letzte Teil des Buches hat mich nicht begeistert. Wahrscheinlich weil mir die Ausführungen über die Möglichkeiten, das menschliche Leben zu verlängern, allzu sehr ins Esoterische und Spekulative abrutschten oder weil der Exkurs in Quantentechnologie mehr Verwirrung als Klärung schafft.
Mein Fazit: Matthias Horx sagt uns zwar nicht, wie sich die Zukunft entwickelt, aber er führt in unterhaltsamer Weise eine Brillenkollektion vor, mit der wir selber danach Ausschau halten können, was uns hinter der nächsten Ecke wohl erwartet. Mir gefällt es, wenn Prognostiker bescheiden auftreten und lieber von Wahrscheinlichkeiten als von Wahrheiten sprechen.