An mangelndem Selbstbewusstsein leidet dieser Autor offenbar nicht. Der amerikanische Originaltitel seines Werkes lautet: "A Complete Guide to Technical Trading Tactics". Diesen doch ziemlich ehrgeizigen Anspruch hat der deutsche Herausgeber überraschenderweise auf Normalmaß zurückgefahren. Und das ist gut so.
Mr. Person begann seine Karriere 1979 als Laufbursche an der Chicago Mercantile Exchange und durchlief anschließend wahrscheinlich alle denkbaren Stufen eines so genannten Börsenexperten. 2003 schließlich gelangte er wahrscheinlich zum bisherigen Höhepunkt. Er bekam eine eigene Radio-Show mit dem Titel "The Personal Investment Hour". Darüber hinaus ist er der Herausgeber einer Wochenzeitschrift ("The Bottom Line Financial and Futures Newsletter"). Es mag vielleicht ein wenig neugierig erscheinen, aber ich hätte gerne etwas Handfestes über die Handelserfolge des Autors erfahren. Warum nur schweigen all diese Experten hier immer?
Mit dem Lesen des ersten Kapitels wird uns klar, dass es in diesem Buch vorrangig um die US-Future-Märkte geht. Alle in den USA handelbaren Futures mit ihren wichtigen Merkmalen werden uns kurz vorgestellt. Danach vermittelt uns der Autor einige elementare Kenntnisse, die wir wohl mindestens benötigen, wenn wir uns denn tatsächlich mit dem Future-Handel beschäftigen wollen.
Im 2. Kapitel werden wir in die Geheimnisse des amerikanischen Börsenberichtswesens eingeweiht. Angefangen von der FED über das Beige Book, die Housing Starts bis zur Arbeitsmarktsituation erläutert uns der Autor alle Berichte, die seiner Meinung nach die Märkte bewegen. Das folgende Kapitel belehrt uns in wenigen Zeilen über die üblichen Chartdarstellungen. Danach geht der Autor im nächsten Kapitel zu Kerzencharts über. Kurz und knapp erfahren wir etwas über die wichtigsten Kerzenformationen. Hier nun erkennen wir zum ersten Mal die Leichtigkeit des Seins an den Börsen. Dort ist offenbar alles ganz einfach und vor allem logisch. Aus A folgt einfach B. Sehen wir also eine Shooting-Star-Formation oder einen Bearish-Harami-Cross, dann gehen wir einfach short und bald danach schon sind wir noch reicher geworden. Den Beweis erbringt der Autor durch wirklich beeindruckende Bildchen.
Dummerweise kenne ich jede Menge Beispiele, in den diese beiden Formationen und all die anderen, die uns Mr. Person im Folgenden noch anbietet, nicht so funktionieren, wie er das beschreibt. Das aber werden unerfahrene Leser spätestens dann merken, wenn sie tatsächlich versuchen sollten, mit diesem elementaren Halbwissen Geld verdienen zu wollen.
Wo immer wir in unserem Leben bisher etwas gelernt hatten, gab es Regeln. Sie gaben uns das Gefühl der Kontrolle über Vorgänge und Situationen. Wir wissen, dass wir unter der Voraussetzung A die Entscheidung B zu treffen haben. Und nie spielte der Zufall dabei eine Rolle. An den Finanzmärkten ist jedoch alles anders. Leider aber wiegen Bücher wie dieses den unwissenden Lesern durch die Auflistung von Pseudo-Regeln und frei erfundenen Gesetzmäßigkeiten in der scheinbaren Sicherheit, dass alles so ist wie immer. Warum verlieren dann aber 80% der Leute nach Aussage des Autors dauerhaft Geld an den Börsen? Wahrscheinlich wird er uns antworten, dass es daran liegt, dass diese Menschen sein Buch (das nichts Neues enthält) nicht gelesen haben.
Im 5. Kapitel präsentiert uns der Autor in Kurzfassung viele altbekannte Erkenntnisse der Chartanalyse. Für jemanden, zu dem diese Erkenntnisse noch nicht vorgedrungen sind, ist das Material für ein tieferes Verständnis nicht geeignet. Kenner können getrost weiterblättern. Manches ist aber auch einfach nur falsch. Larry Williams, der vom Autor wegen seiner "Oops-Strategie" zitiert wird, hat in einem seiner letzten Bücher beispielsweise den Zusammenhang von Volumen und Preisentwicklung statistisch untersucht und dabei festgestellt, dass die vom Autor und vielen seiner Vorgänger behaupteten Regeln im Allgemeinen nur Bullshit sind.
Den meisten von uns ist ein Denken in Wahrscheinlichkeiten völlig fremd. Deshalb tappen wir oft in eine einfache Falle. Wir sehen uns Charts an und finden scheinbare Regeln. Der Haken daran ist, dass der liebe Gott hier schon gewürfelt hat und damit nur eine von unendlich vielen Möglichkeiten als Realität der Vergangenheit feststeht. Wenn wir jedoch an der Börse agieren, muss Gott noch würfeln. Alle Möglichkeiten sind noch offen. Das ist eine völlig andere Situation, mit der wir nur fertig werden können, wenn wir verstehen, dass wir keine Möglichkeit der wirklichen Vorhersage haben. Wir können uns nur an das Geschehen anpassen. Und dazu müssen wir alle (!) Möglichkeiten in Betracht ziehen und auf sie gefasst sein. Diese Denkweise vermittelt uns der Autor leider nicht.
Das 6. Kapitel widmet sich den Pivotpunkten. Hier wird es ein wenig interessanter, weil wir zum ersten Mal das Zusammenspiel verschiedener Methoden vorgeführt bekommen. Das setzt sich im folgenden Kapitel fort (Day-Trading, Swing-Trading).
Technische Indikatoren kommen im nächsten Kapitel zur Sprache. Dabei geht es jedoch nur um den MACD und die Stochastik. Auf den nächsten 10 Seiten erfährt der Leser etwas über Gann, Fibbonacci-Zahlen und die Elliott-Wellen-Theorie. Das braucht man dann auch nicht weiter zu kommentieren.
Im folgenden Kapitel 9 befasst sich Mr. Person mit dem Markt-Sentiment. Nun haben wir das theoretische Rüstzeug für unsere erste Million, denn jetzt folgen nur noch Kommentare und Erläuterungen praktischer Art wie Order-Platzierung und Order-Arten (Kapitel 10, US-Orders, von denen viele so in Deutschland nicht möglich sind).
Das 11. Kapitel macht uns mental für die Börse fit und ist ähnlich faszinierend geschrieben wie die vorangegangenen. Nachfolgend erhalten wir noch einige letzte Tipps und taktische Ratschläge. Im 13. Kapitel schließlich reichen 20 Seiten für den Feinschliff auf dem harmlosen Gebiet der Optionen. Das letzte Kapitel bietet dann noch einige Sprüche für unser Trader-Poesie-Album wie: Kaufe tief und verkaufe hoch. Oder kaufe, wenn keiner kaufen will und verkaufe, wenn alle kaufen wollen.
Lieber Mr. Person, bitte lesen Sie diesen letzten Satz (Platz 9 Ihrer schier unglaublichen Börsenweisheiten) und vergleichen Sie ihn bitte, bitte mit Ihren Aussagen zu Volumen und Preisentwicklung im 5. Kapitel. Lieber Leser, kaufen, wenn keiner kaufen will, heißt fast immer, dass wir entweder in einem illiquiden Markt handeln oder sehr viel mehr Verkäufer als Käufer am Markt sind. Wer hier kauft, sollte sein Geld lieber gleich spenden. Das ist dann wenigstens eine gute Tat.
Fazit: Es klappt doch immer wieder. Da schreibt ein Mensch mit einem gewissen Bekanntheitsgrad in den USA ein völlig elementares und gnadenlos oberflächliches Börsenbuch. Da steht definitiv nichts Neues drin. Aber es bringt dem Autor ein nettes Honorar. In der Wirklichkeit ist es als Handelsanleitung nicht nur nutzlos, sondern irreführend. Das jedoch wissen viele seiner gutgläubigen Leser nicht. Im Hochgefühl des scheinbaren Expertenwissens werden sie also fleißig ihr Geld in die Future-Märkte pumpen, um schnell reich zu werden. Aber an den Börsen wartet das schlaue Geld gutgelaunt auf das dumme, um es dann erbarmungslos abzuschlachten. Für einen nachhaltigen Erfolg an den Finanzmärkten muss man einen eigenen Handelsstil entwickeln. Dieses Buch ist dazu überhaupt nicht geeignet. Es zeigt lediglich in ungeheuer oberflächlicher Weise, welche Methoden und Techniken es unter anderem gibt. Einen eigenen Stil kann man aber nur entwickeln, wenn man die einzelnen Methoden tiefgründig versteht und dann begreift, welche von ihnen zu einem tatsächlich passt. Das ist leider oft ein langer und mit vielen teuren Irrtümern gepflasterter Weg. Wer in diesem Geschäft neu ist, kann sich das Buch vielleicht als erste sehr grobe Übersicht zulegen. Wer mehr will, ist hier an der falschen Adresse.