Ja genau, was für eine Künstlerin! Und das mag ein Fremdzitat gleich belegen: in der SZ schrieb der Kritiker ihrer neuen CD, dass Shelby Lynne einen Grad an Intimität in der Vermittlung ihrer musikalischen Mitteilungen erreicht hat, der Seinesgleichen sucht. So ist's!
Nun handelt es sich hier bei "Tears, Lies and Alibis" um eine Vorstufe zu dieser indirekt zitierten Aufnahme. Doch auch hier sind schon diverse Dinge gleich: Selbstproduktion, die sie auch vorher schon hin und wieder einsetzte, und eine in weiten Teilen selbst eingespielte Aufnahme, wenn auch hier noch von ein paar Topmusikern begleitet. Alleine das Momentum der Selbstproduktion unterstützt sie aber selbstverständlich enorm in ihrem Anliegen, das authentisch zu transportieren was sie zu sagen, was sie auszudrücken hat - das macht dann auch die vom Hörer erlebte Intimität aus. Shelby Lynne spricht den Hörer in Musik, Worten, Sound, Komposition, Arrangement - whatsoever - direkt an, ist in den Gehörgängen drin, bevor man es auch nur selbst registriert hat, klingt vertraut, als hätte man sein Leben lang eh nix anderes gehört.
Und das stimmt ja auch fast. Schließlich steht sie mit ihrer Karriere stellvertretend für das fast vollständige Americana Musik Land. Leistete sie sich einen, wenn auch lang anhaltenden Fehlstart mit Country, fing danach eigentlich erst so richtig ihre musikalische Lehr- und auch Leerzeit an - letzteres soweit es ihre gelebten, verarbeiteten und in ihre musikalische Entwicklung einfließenden Persönlichkeitskrisen betrifft. Gelernt hat sie dabei jeweils auch an der Seite starker Männer - sprich: Produzenten und Vorbilder. Das ging los mit "I am....", 1999, mit einer Art von Soul an der Seite von Bill Bottrell, der Aufnahme die ihre Liebe zu Dusty Springfiled zum ersten Mal transparent machte, über "identy crisis", 2000, die nicht umsonst so hieß. Hier traute sie sich zum ersten Mal an die Regler, um ihre erlebte Krise vollständig verarbeiten zu können. Ensprechend war die Aufnahme - ein wenig zerrissen, doch der Weg zur Eigenständigkeit zeichnete sich ab. Der Blues als Retter aller leidenden Seelen in "Suit Yourself" (2005) an der Seite von Tony Joe White. Und dann natürlich die Aufnahme auf die ganze Generationen seit "Windmills of your mind" gewartet zu haben schienen - "Just a little lovin'" von 2008, produziert von Phil Ramone. Diese direkte Dusty Springfield Hommage, die nur eins mit Dusty macht: sie entkleidet sie von allem Ballast, stripped down to the bone bringt sie die einzelnen Tracks auf deren Kern, der in ihnen steckt, macht selbst the "Look of Love" noch intensiver, noch direkter, noch intimer als es Dusty selbst schon ihren Männern in die Ohren gehaucht haben mag - ohne sie wirklich zu verändern! Shelby und die die Songs mein ich....
Wozu dieser umfangreiche Brückenschlag? All das ist in dieser Aufnahme "Tears, Lies and Alibis" enthalten. Und es ist nicht einfach die Quersumme. Es ist ein höheres Ausdruckslevel, das sie auf diesen dargelegten Grundlagen stehend erreicht. All das findet sich hier wieder, dennoch singulär für sich selbst stehend: die verarbeitete Krisenzeit ihrer dunklen Jahre 2000 bis 2005, das Suchen und - vorerst - nicht Finden der Eigenidentität ("Rains came"), das Gefühl des Blues ("Old Dog"), der dunkle Country-Folk in "Loser Dreamer" mit akustischer Gitarre, einer sehr zarten Steel, eine Harmonica, die nur Tupfer hinzufügt, der Souleinfluss Dusty Springfield's und Bottrells, ausgerechnet im Ausklang "Home Sweet Home". Alles da - essentiell und existentiell. Endlich sie selbst, ganz und gar bei sich.
Das Ganze in Nashville eingespielt, Al Schmitt an den Reglern, und - was wirklich Spass macht - mit Spooner Oldham und David Hood an den Keys und dem Bass, was für den einerseits souligen, andererseits intimen Charakter der Aufnahme spricht.
Es stellt sich nach circa vierzig Minuten CD Laufzeit ein seltsamer Effekt beim Zuhörer ein, der sich zum Glück relativ leicht beheben lässt: die Aufnahme ist durchgelaufen, es ist still im Raum....und Du fühlst Dich verlassen. Re-Start.