Angesichts des weiter unten stehenden Verrisses möchte ich eine Lanze für diese wundervolle Aufnahme brechen: ganz abgesehen, daß die so harsch kritisierten a-capella-Motetten nicht vom Chor der Deutschen Oper Berlin gesungen werden, sondern vom Chor des Bayerischen Rundfunks, muß man ganz deutlich feststellen, daß besonders die Intonation dieser harmonisch so komplizierten Stücke ausgezeichnet gelungen ist. Für Hörer der jüngeren Generation, die vielleicht eher mit dem Klang von sehr guten Kammerchören großgeworden oder mit dem Klang englischer Knabenchöre vertraut sind, und die vielleicht Herreweghes und/oder Matthew Bests Bruckner im Regal haben, ist der unglaublich voluminöse und durchaus auch etwas mit Vibrato (Sopran!) versehene Klang womöglich zunächst ungewohnt. Aber was wir hier hören, ist letztendlich auch eine Dokumentation der hohen Qualität eines großen Rundfunkchores, und gerade diese Chöre - ein einmaliges Erbe deutscher Nachkriegs-Musikkultur - wurden in dieser Form in den letzten Jahren vorsätzlich zerstört. Rundfunkchöre von der Besetzungsstärke des BR-Chores in den 60er Jahren dürfte es heute gar nicht mehr geben.
Als Besonderheit sei noch vermerkt, daß der große Bruckner-Dirigent Eugen Jochum nicht nur als Orchestererzieher tätig war, sondern es wird besonders an den Motetten deutlich, daß er auch ein ausgezeichneter Chordirigent war, der es auch mit diesem Medium vermag, eine hervorragende Interpretation zu verwirklichen, mit dynamischen Graden vom kaum noch hörbaren Pianissimo bis zu einem gigantischen Fortissimo ohne jegliche Schärfe und mit einer präzisen (wenn auch manchmal etwas sehr didaktisch-lateinischen) Textbehandlung.
Mit der "klassischen" Berliner Te Deum-Aufnahme gekoppelt eine Empfehlung für die einsame Insel!