Und das in zweierlei Hinsicht: Zum einen habe ich mich in den letzten Tagen wirklich des öfteren in ein dunkles Zimmer zurückgezogen - ein seltener Luxus -, um mir die eine oder andere der 60 CDs, die diese beeindruckende Werkauflage Tschaikowskis ausmachen, in Ruhe anzuhören. Zum anderen stehe ich auch bezüglich der Frage, wie ich eine solche Menge an Musik auch nur annähernd angemessen bewerten soll, als Laie allzumal, im dunkeln.
Aber irgendwo muß man einmal anfangen, und deshalb fange ich mit dem Beckmessern an: Erstens, es sind keineswegs alle Werke von Tschaikowski in dieser Sammlung vereint, denn einige Werke fehlen. Zweitens handelt es sich bei einigen wenigen Wiedergaben um Live-Einspielungen, so daß mitunter ein Husten zu hören ist. Drittens sind die Materialien der Bonus-CD - Hintergrundinformationen zu (soweit ich es überblicken kann) sämtlichen eingespielten Werken und die Texte der Lieder - nicht auf Deutsch, sondern nur auf Englisch - die Liedtexte auch in trankribiertem Russisch - verfügbar.
Sie werden jetzt denken: Was für ein Kleinkrämer! Und Sie haben recht, denn - wie ich finde - sind diese Einschränkungen angesichts dessen, was dem Kunden hier für den Preis geboten wird, weitaus mehr als verschmerzbar, und so füge ich denn jedem meiner Kritikpunkte eine kurze Replik bei:
1) Zwar handelt es sich nicht um eine Gesamtausgabe im eigentlichen Sinne des Wortes, doch sind die Orchesterwerke und die Kammer- und Klaviermusik vollständig eingespielt. Ich wüßte nicht, welche Einspielung ich in dieser Ausgabe dringlichst vermissen könnte.
2) Live-Mitschnitte sind sicher nicht jedermanns Sache, doch wenn es sich um ein gutes Orchester handelt, könnten sie interessant werden. Davon abgesehen halten sich die Nebengeräusche wirklich deutlich in Grenzen. Die Qualität der Aufnahmen insgesamt hat mich überzeugt, auch wenn sie nicht allesamt neuesten Datums sind. Abgerundet wird die Tour de force durch das Werk Tschaikowskis dann auch noch durch 5 CDs mit historischen Aufnahmen - allein Tschaikowskis berühmtes Klavierkonzert Nr.1 liegt hier in vier verschiedenen Versionen vor, so daß es insgesamt fünfmal vertreten ist (Byron Janis; Lev Oborin; Emil Gilels; Svjatoslaw Richter; Ewgenij Kissin).
3) Die Beschränkung der Zusatzinformationen auf Englisch mag man beklagen, doch ist es - glaube ich - auch der Wirtschaftlichkeit geschuldet, daß diese Texte, wie übrigens auch die Beschriftungen der CDs insgesamt, in englischer Sprache gehalten sind. Angesichts des Preises dieser 60 CDs mag ich denn auch nicht meckern.
Alles in allem wird ein Musikliebhaber mit dieser Sammlung sicherlich viel Freude haben und auch jede Menge Zeit mit ihr verbringen können. An dieser Stelle sei mir auch das persönliche Wort gestattet, daß Pjotr Iljitsch mit seinen russischen Kollegen Prokowjew und Schostakowitsch für mich unter den fünf besten Komponisten rangiert. Was ich an Tschaikowski besonders schätze, ist sein Vermögen, in ihrer Schwermut zu Herzen gehende Motive unmittelbar mit Distanziert-Skurrilem zu kombinieren - eine Eigenart, die ihn für mich zu einem besonderen Komponisten macht. Wer nicht weiß, was ich damit meine, der höre sich einfach nur den ersten Satz aus dem ersten Klavierkonzert an. Den gibt es hier ja in fünf verschiedenen Einspielungen ...