Grace Lisa Vandenburg's Leben wird von Zahlen bestimmt. Seit ihrem 8. Lebensjahr zählt sie im wahrsten Sinne des Wortes ALLES. Die Treppenstufen, die Schritte zur Schule, die Bücher im Regal, selbst die Borsten auf der Zahnbürste! Ihre spezielle Vorliebe gilt der 10, der 100, der 1000. Eines Tages im Supermarkt stellt sie an der Kasse mit Schrecken fest, dass sie nur 9 (!) Bananen ausgewählt hat. Schnell stibitzt sie dem hinter ihr stehenden Mann die eine Banane, welche er offensichtlich kaufen wollte. Undenkbar, nur 9 Bananen zu erwerben ... auf dem Parkplatz jedoch stellt er sie zur Rede. Als Grace ihn wenig später im Café wiedersieht und gezwungenermaßen an seinem Tisch Platz nehmen muss, beginnt eine Beziehung, die ihr Leben verändern wird. Denn Seamus Joseph O'Reilly zeigt echtes Interesse und ist bereit sich auf ihre Obsession einzulassen. Ihm zuliebe beginnt Grace eine erneute Therapie, Medikamente und Gruppensitzungen sollen ihr ein Leben ohne Zahlen ermöglichen. Leider läuft aber nicht alles wie geplant ...
Grace hat auf ihrem Nachttisch eine Abbildung von Nicola Tesla stehen, ihrem Helden, der - so wie sie selber - ebenfalls Zwangsneurosen hatte. Es war Tesla, ein Erfinder und Elektro-Ingenieur, der den Wechselstrom nutzbar gemacht hat. Seine besonderen Fähigkeiten haben anscheinend diese Pionierleistung erleichtert. Zwangsneurosen also als positives Merkmal von Individualität? Was wäre gewesen, wenn Tesla heute gelebt hätte? Wäre auch er von den Ärzten therapiert worden? Was hätte dies für seine Arbeit bedeutet? Die Fragen, die sich Grace stellt sind Fragen zu dem was eigentlich normal ist, als normal von der Gesellschaft akzeptiert wird und ob man sich dem Konformitätsdruck beugen muss oder nicht doch seine Obsession ausleben kann.
Obwohl das Thema ernst und sicher das Leben eines Menschen mit Zwangsneurose nicht einfach ist, gelingt es Toni Jordan dennoch die Materie unterhaltsam zu erzählen. Quasi mit einem zwinkernden Auge erzählt sie vom täglichen Leben und den Schwierigkeiten, die durch die Besonderheiten von Grace entstehen. Dies betrifft nicht nur das Einkaufsverhalten sondern auch die Art und Weise wie sie ihren Tag durchplant. Das Leben von Grace ist so locker und leicht beschrieben, dass ich öfters Schmunzeln musste. Zum Beispiel während der Therapiephase von Grace: in den Dialogen spricht nicht die Protagonistin, sondern Gehirn eins und Gehirn zwei an ihrer Stelle. Aufgrund der Medikamente findet eine Art Persönlichkeitsspaltung statt, das Alte ist noch nicht gegangen, zusätzlich kommt ein neues Bewusstsein. Parallel nimmt Grace an Gewicht zu. Ob diese Nebenwirkungen der Realität entsprechen vermag ich natürlich nicht zu sagen, sie sind auf jeden Fall anschaulich beschrieben.
Mein Fazit: eine liebevolle Darstellung vom Leben eines Menschen mit gewissen Eigenheiten. Ein Buch, das zur Toleranz aufruft. Darüber hinaus ein Buch, das einen neuen Blickwinkel auf die Frage wirft, ob wirklich alles therapiert werden muss oder ob manch eine Obsession das Leben nicht vielleicht sogar bereichert. Außerdem ein Buch, das Hoffnung vermittelt. Zuletzt ein Buch über die Liebe, eine Liebe, die nicht aufgibt, sich nicht abschrecken lässt.
Empfehlenswert!
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Ein Textbeispiel von Seite 269, das ursprünglich am 10. November 2009 01:57:05 GMT+01:00 als Kommentar veröffentlicht wurde:
Die meisten Menschen verpassen ihr ganzes Leben, weißt du. Leben heißt nicht, auf einem Berggipfel zu stehen und den Sonnenuntergang zu beobachten. Leben heißt nicht, am Altar zu warten, oder auf den Augenblick, wenn dein Kind zur Welt kommt, oder das eine Mal, als du im tiefen Wasser geschwommen bist und ein Delphin neben dir herschwamm. Das sind Bruchstücke. Zehn oder zwölf Sandkörner, eingestreut in dein gesamtes Dasein. Aber sie sind nicht dein Leben. Leben heißt Zähne putzen, ein Sandwich belegen, Nachrichten sehen, auf den Bus warten. Einen Spaziergang machen. Jeden Tag passieren tausend winzige Ereignisse, und wenn du nicht aufpasst, wenn du nicht vorsichtig bist, wenn du sie nicht einfängst und dafür sorgst, dass sie zählen, könntest du es verpassen.
Könntest du dein ganzes Leben verpassen.