In bester Rio-Reiser-Manier zu Beginn nochmal alle mitsingen: Alles Lüge, nana nanana, alles Lüge-he, nana nanana...
Denn Tausend Tode werden in dem schmalen Büchlein "Tausend Tode - Sterben will gelernt sein" von Autorin Lena Ullrich und Illustrator Giovanni Rigano nicht abgehandelt. Magere 43 Todesarten werden aufgezählt. Auf einer Doppelseite befindet sich jeweils eine Zeichnung und ein dazu passender Text. Die Texte sind mit spitzer Feder geschrieben und lassen sich an einem Stück weglesen.
Wer ein Buch im Stil von Wendy Northcutts "Die Darwin Awards" erwartet, wird jedoch enttäuscht sein. Hier sind nämlich nicht die skurrilsten und außergewöhlichsten Arten aus dem Leben zu scheiden aufgezählt, sondern Lena Ullrich entmystifiziert so manche urbane Legende, und beschreiben eben Situationen, bei denen man nicht notgedrungen stirbt - obwohl der Volksmund das einen manchmal glauben machen will.
Die Autorin verfasste spritzige kurze Texte. So räumt sie zum Beispiel mit dem Vorurteil auf, dass Piranhas Menschen binnen Sekunden bis auf das Skelett abnagen, man an Gräten im Hals ersticken kann oder Lemminge sich ob ihres Herdentriebes in den Tod stürzen. Auch das "Sich-tot-Lachen" klappt nicht lethal und sie deckt den wahren Kern des Mythos' auf, warum angeblich immer dann ein Seemann stirbt, wenn man sich eine Zigarette an einer Kerze anzündet.
Auch vom bösen Wolf ist noch niemand gefressen worden, wenngleich Lena Ullrich in dem formschön in Alliterationen verfassten Satz das Vorurteil Revue passieren lässt: Widerliche Wölfe wanderten winters in wehrlose Weiler und wuchteten würgend wimnmernde Wickelkinder wanstwärts.
Zu den feinen Texten passen die skurrilen Illustrationen des Italieners Giovanni Rigano hervorragend. Die Bilder wirken wie die dunklere Version der Spiderwick-Geheimnis-Illustrationen von Tony DiTerlizzi, und man erkennt deutlich, dass Rigano an Tim Burtons "Alice im Wunderland"-Verfilmung als Illustrator beteiligt war. Für Disney hat er darüberhinaus noch die "Fluch der Karibik"-Comics und "Die Unglaublichen"-Storys gezeichnet.
Einziger Kritikpunkt an dem feinen Büchlein ist (neben der nicht ernst gemeinten Kritik an dem falschen Versprechen der Tausend Tode), dass die gezeichneten Vignetten bei den Seitenzahlen zu klein sind, um sie erkennen zu können. Und die Hexen-Illustration - obwohl es sich durchgängig um schwarze Strichzeichnungen handelt - ist auf Seite 46 fehlerhaft, weil pixelig, reproduziert.
Insgesamt eine kleine, feine und kurzweilige Lektüre die einen keineswegs zu Tode langweilt.
PS: Das Buch eignet sich meines Erachtens prima als Geburtstagsgeschenk für all jene, die mit ihrem (hohen) Alter unzufrieden sind. Denn es beweist: So einfach stirbt's sich dann doch nicht!