Marlena de Blasi- Tausend Tage in Orvieto: Eine umbrische Romanze mit Rezepten
Mein eindeutiger Favorit aus dem Rucksack voller Bücher, von denen in diesem Urlaub die meisten den Weg bis zum Strand nie fanden.
Marlena, eine mit ihrem italienischen Mann Fernando verheiratete Amerikanerin, nimmt den Leser mit auf eine etwa zweijährige Reise durch die Wahlheimat Umbrien. Der 'Kauf' einer Wohnung und seine Umstände bis zum Einzug stehen dabei im Hintergrund; bedeutend ist alleine, auf welche Weise sie diese Zeit bis zum ersten großen Festmahl dort gestalten.
Die unterschiedlichen Sichtweisen der Amerikanerin und des Italieners öffnen dem ungeduldigen Leser die Augen, warum man als Fremde Italien bzw. Umbrien nicht auf Anhieb begreifen kann. Die Begegnung mit den unterschiedlichsten Einheimischen, überwiegend herrlich einzigartige Exoten in einer hektischen Alltagswelt, die Küche und die Landschaften werden in unmittelbarer Nahaufnahme miterlebt. Sprache und Stil sind einfach verzaubernd, manche Sätze sind richtige Kunstwerke. Die beschriebenen Gerichte leben von der Einfachheit und Reduzierung auf das Wesentliche, dann wiederum von ihrer Genialität in der Komposition der Zutaten.
Nein, ich habe das Buch nicht in einem Zug 'verschlungen'- dazu ist es viel zu kostbar (und leider zu kurz). Nach jedem Unterkapitel legte ich es in den Rucksack zurück, schloss reflektierend die Augen und vergaß beim Hineinversetzen in die gerade gelesenen Szenen völlig, dass es nicht die umbrische Sonne war, die mich küsste- sondern die gnadenlose Türkische.
Gestört hat mich als Hobbykoch und Fachmann der Bausanierung, dass die Autorin solch intensiven Zugang zu Lebensmitteln pflegt, aber 2 Jahre in einer offenbar erheblich schimmelbelasteten Wohnung verbringt. Wer sich bei täglich so großzügigem Geldausgeben solchen gesundheitlichen Belastungen aussetzt, löst bei mir Irritation aus. Und essen möchte ich bei ihm auch eher nicht.
Prädikat: Für den Gourmet unter den Italienliebhabern eine wirkliche Empfehlung. Für den oberflächlichen Toskanagourmand zu leicht, für den Pauschaltouristen zu schwere Kost.